Dienstag, Januar 17, 2006

Rechtschreibung und Stil in deutschen Blogs

Gerade vor wenigen Minuten ist es passiert. Ich habe ein Blog aus meinem Feed-Reader verbannt. Nicht, dass das noch nie vorgekommen wäre - doch heute geschah es aus einem speziellen und bisher einmaligen Grund: Fürchterliches Deutsch.

Jawohl, sorry Pesche Stöckli, aber die Lektüre war eine regelrechte Folter. Hier einige Hingucker (oder besser: Weggucker):

[...] und beim vorbeisurfen sticht euch hinter einer Welle eine Domain in das Auge und ihr denkt so für euch die will ich haben.

Wenn man nicht weiss um was es geht denkt man es handelt sich um einen Scherz, warum sollte ein Besitzer einer guten Domain diese Abstossen?

Das jemand von Hand eine Top-Domain registrieren kann aufgrund dessen das sie gelöscht wurde ist heutzutage beinahe unmöglich. Um ein Beispiel zu machen das es sich grundsätzlich lohnt den Markt zu beobachten zeigt ein Beispiel von Heute [...]

Quelle: Die will ich! Jetzt!

Wenn ich solche Sätze lese, komme ich im Geiste ausser Atem. Als würden meine Auge durch den ganzen Satz gejagt ... Was ist falsch? Es fehlen die KOMMAS KOMMATA! Anscheinend gibt es heutzutage zwei unterschiedliche Typen von strapazierenden Schreiberlingen: Diejenigen, die zu viele Kommatas Kommata* setzen (Faustregel: so alle drei, vier Wörter eines), und diejenigen, die sich darüber hinweg setzen und eine anständige Interpunktion gar nicht erst für nötig halten.

Keine Ahnung, ob solche fundamentale Kritik an einem Bloger in der Blogosphäre verpönt ist, aber nach der Lektüre (die ich im letzten Drittel abbrechen musste) wollte ich hier meine Meinung stinkfrech loswerden.

Ja, ich weiss - Deutsch ist nicht gerade die Erfindung der Einfachheit. Unsere Kinder mühen sich in der Schule zu Tode mit der zum Teil sehr unlogischen und über Jahrhunderte gewachsenen Orthographie und Grammatik. Und erst dieser Genitiv (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod sowie Deppen-Apostroph)! Doch nun sind wir nun mal im deutschen Sprachraum aufgewachsen und sollten doch versuchen, anständige Texte hinzukriegen. Für mich ist das schon fast eine Anstandsfrage - wenn ich schon für die Welt oder das Internet oder die Blogosphäre schreibe, dann bitte so, dass die Leser dann auch Spass an der Sache entwickeln.

Weltsprache

Verwunderlich, dass eine amerikanische Bekanntschaft in Madrid mir doch tatsächlich weismachen wollte, dass die nächste Weltsprache (nach Englisch) Deutsch sein wird. Ich war dann doch gar etwas anderer Meinung: Je einfacher desto besser. Von Lateinisch zu Französisch zu Englisch haben wir bisher immer eine grössere Vereinfachung hingekriegt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir alsbald zu einer Sprache tendieren werden, die die Völkerverständigung unnötig verkomplizieren würde. Deutsch ist zwar vielleicht nicht gerade so schlimm wie Chinesisch (Gott behüte!), aber doch derart kompliziert, dass viele überfordert wären.

Da es das Esperanto irgendwie immer noch nicht zu Weltruhm geschafft hat, wurde ich hellhörig, als Kollege Zgraggen kürzlich erläutert hat, wie simpel das Schwedisch gestrickt sei. Jedermann duzt sich (wie im Amerikanischen Englischen) und die Verben werden nicht konjugiert. Man sagt also beispielsweise:

ich gehen
du gehen
er gehen
wir gehen
Sie gehen
sie gehen

Tönt auf den ersten Blick blöd, doch ein exzellentes Beispiel für das von mir propagierte "Keep it simpleTM". Mit einer solchen Konjugation schreiben alle nur noch 6er - garantiert.

In der Vergangenheitsform genau dasselbe (also wohl irgendwie 'ging'). Das nenne ich fortschrittlich. Um in unserer zunehmend globalen Welt werden wir um eine möglichst einfach zu lernende Sprache nicht herum kommen. Denn anstelle sich mit Dictionaries in der MIGROS-Klubschule herumzuärgern, sollte die Zeit lieber dazu eingesetzt werden, zusammen mit der globalen Kommunikation etwas auf die Beine zu stellen, das die Menschheit weiter bringt.

Das Internet existiert - nun ist es an der Zeit, die mit dieser Technik transportierten Inhalte demselben Quantensprung zu unterwerfen.

Deutsche Immigranten

A propos eidgenössische Gofen und deutsche Immigranten-Kinder: Chasch du nöd Dütsch redä? ? Als Deutsches Kind unter Schweizerkindern.

Auf der Arbeit haben wir ein junges Elternpaar aus Deutschland, dass mir das letzte Mal zu verstehen gegeben hat, dass ihr Kind gefälligst perfektes Hochdeutsch sprechen wird und die "Bauernsprache", die man hier in Bern pflegt, dann in den eigenen vier Wänden zum Tabu erklärt wird. Naja, das Kind spricht noch nicht einmal - irgendwie glaube ich noch nicht so recht, dass das Kind den Eltern sprachtechnisch Freude machen wird. Man stelle sich vor, der Sohnemann kommt in den Kindergarten und spricht perfektes Hochdeutsch ... und keiner versteht ihn. Etwas schlimmeres kann man einem Kind nicht antun. Hoffen wir also auf eine kinderreiche Nachbarschaft, die ihm das langsamste, urchigste Berndeutsch beibringt (inkl. aller Fluchwörter), das man sich wünschen kann *smile*

PS: Auch ich mache Rechtschreibefehler. Deshalb lese ich mein Blog einmal sorgfältig durch und korrigiere nicht selten eine Vielzahl der Sätze. Qualitätssicherung muss auch zum Bloggen gehören!

PPS: Dank Kollege Burgdorfer (der sich übrigens eines solchen Rechtschreibe-Marathons entzieht, in dem er auf's Englische ausgewichen ist) weiss nun auch ich, wie man Komma im Plural schreibt ... Kommata, ohne s. 'Kommas' wäre aber auch erlaubt, sei zu meiner Unschuld gesagt.

12 Kommentare | neuen Kommentar verfassen

Kommentare

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Blogger christoph um 17.01.2006 02:54:00 Uhr

btw: ich zitiere aeby: "Es fehlen die KOMMAS!" (sic.) ... ich wuerde schreiben "Es fehlen die KOMMATA!" ... was sind wir doch fuer Smart-Asses? ;)

Anonymous Anonym um 17.01.2006 07:30:00 Uhr

man sehe, und staune, und verpöne in der tat.
"what a little bernese smart-ass!"
bleibt zu hoffen, think-e-meidi hat das english-proficiency in der tasche!

Anonymous gebsn um 17.01.2006 09:02:00 Uhr

Ich kann's - ähnlich wie du - nicht ausstehen, wenn Grammatik und Rechtschreibung völlig links liegen gelassen werden. Aber da niemand, und ich im speziellen (im Speziellen?), nicht ohne Fehl und Tadel ist, halte ich mich meist mit Kommentaren zurück und versuche, bei mir diese Grundsätze einzuhalten.

Ich glaube nicht, dass es eine Frage von Anstand ist - eher von Prioritäten. Anderen Menschen ist es einfach "schnuppewurst", ob sie Duden-gemäss schreiben oder nicht.

Anonymous Paul Anton Zorn um 17.01.2006 09:37:00 Uhr

Ähm, äxgüsi, wie ist es mit Legasthenikern? Ja, es gäbe scheins Leute, die einfach Mühe haben mit der Rechtschreibung, oder dem Rechnen, und dies eigentlich ein Leben lang, trotz guten Willens, nicht "wegbringen". Sollen Legastheniker dann einfach die Finger vom schreiben und bloggen lassen? Blog-Verbot?
Ich frag ja nur..

Anonymous Heinz um 17.01.2006 09:56:00 Uhr

Nun, richtiges Deutsch darf man tatsächlich erwarten in der Blogosphäre. Der Eindruck von Seriosität entsteht unter anderem durch eine klare und fehlerfreie Sprache.
Mit dem Stil, Kollege Aeby, würde ich mich als Schweizer mal ein wenig zurückhalten (ich bin selber einer, das ist nicht als Grossbruderangriff zu verstehen). Würden wir die Deutschschweizer Blogs auf stilistische Duftnoten - teilweise Notdurftnoten - untersuchen, so ergäbe dies eine heitere Stilblütensammlung, welche in Deutschland ganze Stand-up-Comedy-Sendungen füllen könnte. Auch schlage ich Bastian Sick vor, sich unsere Blogs mal anzusehen; sein neues Buch hiesse dann sinngemäss:"Der Nominativ ist der Akkusativ Helvetiens".

Anonymous Spooky um 17.01.2006 10:47:00 Uhr

http://de.wikipedia.org/wiki/Interpunktion

Da ich ebenfalls aus Deutschland stamme und meine Frau auch nur "hochdeutsch" mit mir spricht, werden wir dieses mit unseren Kindern auch so halten. Was sie später draussen in ihrer Umwelt machen (Kiga, Schule..), ist mir persönlich egal.

Ich persönlich finde, dass schweizerische Dialekt einfach nur grausam zu lesen ist.

"Rettet den Dativ!" :)

Anonymous gebsn um 17.01.2006 11:35:00 Uhr

@PAZ
Legastheniker haben's sicher nicht einfach, aber die Rechtschreibe- und Grammatikkontrolle in Word und Co. zu benützen ist ja nicht verboten. Auch wenn diese meist weit nicht alle Fehler findet.

Blogger T.M. um 17.01.2006 16:54:00 Uhr

Herr gebsn, um das "schnuppewurst" geht es ja gerade. Damit wird das Verstehen eines Textes zur alleinigen Aufgabe des Lesers. Der Schreiber, einst in der Bringepflicht, mutet seinen literarischen Erguss einfach dem Leser zu, definiert ihm eine "Holpflicht" und nimmt an, dieser werde dann schon irgendwie damit klarkommen. Die allermeisten Schreiberlinge sind dabei übrigens durchaus keine Legastheniker, sondern schlicht faul. Was soll ich davon halten?

Doch, das hat sehr viel mit Anstand zu tun.

Anonymous gebsn um 17.01.2006 18:55:00 Uhr

@t.m.
Man kann auch dermassen hochgestochen daherschreiben, dass die Leserschaft jeden Satz drei Mal durchlesen muss, um den Sinn zu erschliessen (soll in Fachliteratur durchaus vorkommen). Das ist dann genauso mühsam, wie wenn jemand sich einen Deut um Rechtschreibung und Grammatik schert. Das ist für mich in beiden Fällen zwar unangenehm, hat aber meiner Meinung nach nichts mit Anstand zu tun. Solange man den Sinn noch erschliessen kann (wie in dem angeführten Beispiel von Pesche Stöckli), ist's zwar sicher unschön, aber nicht unanständig.

Blogger Melanie um 17.01.2006 19:08:00 Uhr

*wow* hie geits heiss zue und här! Ig schribä itz hie äxtra uf Bärndütsch, de chamer ömu niemer öppis vorenthaute, wüu mä da so darf schribä wie mä wot.
Auso ig schribä mis Blog wüui mis Läbe / mini Erläbnis mit de angere wet teile u bi witem nid wüui gärn schribä (eher z gägeteil). Ig weiss, dass mis Dütsch nid Hammer isch, aber wenigstens versuechenis! Zwingt di ja niemer die Blog z läse wesi dr nid passe, oder?! 1. het nid jede die glichi begabig u 2. het o nid jede so viu Zyt für dä Text 7 mau dürezläse...

Anonymous Spooky um 17.01.2006 22:32:00 Uhr

*chrchr* Ist auch ulkig, wenn Schweizer versuchen Hochdeutsch zu reden. Anders rum min. genauso für Schweizerohren. Nichts desto trotz sollten wir uns darauf einigen, daß selbst die Schweizer Amtsprache immer noch "Schriftdeutsch" ist. Oder werden formelle Briefe neuerdings im Dialekt geschrieben.

Und nein, man kann eben nicht über all schreiben wie man möchte.

http://de.wikipedia.org/wiki/Schweizerdeutsch

Blogger christoph um 18.01.2006 02:10:00 Uhr

Oft wird bei der Analyse der Sprache einer Person automatisch Rueckschluss auf deren Status in der Gesellschaft geschlossen. Das ist ein voellig normales Phaenomen und nicht nur im Anglo-Saexischen Raum so, sondern kann besonders gut in fernoestlichen Sprachen beobachtet werden: Je mehr chinesische Zeichen ein Chinese beherrscht, desto gebildeter und folglich sozial hoeher gestellt scheint er.

Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass ein Institut der Princeton University herausgefunden hat, dass besonders simple Sprache beim Leser oft als intelligenter empfunden wird, als ein hochkaraetiges womoeglich ausgesprochen fremdwoerterhaltiges Vokabular in komplex konstruiertem Syntax und kaskadierten Nebensaetzen.

Einer meiner Lieblings-Essays ist George Orwell's Text "Politics and the English Language" aus dem Jahre 1946. Heute, in der mediengepraegten Gesellschaft ist er aktueller denn je und zeigt unter Anderem eindruecklich auf, wie (die Englische) Sprache missbraucht wird um Tatsachen zu verschleiern, simple Sachgegenstaende hinter komplexer Ausdrucksweise zu verstecken oder Meinungen zu manipulieren.