Mittwoch, 15. Februar 2006

Blogs: Ein fertiger Käse (Forscher)

DRS3, das Bildungsradio, hat recherchiert:

[Übersetzung aus der Mundart] […] und alles redet von diesen „Blogs“. Die Weblogs erobern offensichtlich die Welt – aber jetzt moment mal: Muss man diese elektronischen Tagebücher lesen, oder muss man sogar selber eins schreiben? Oder darf man sie auch einfach ignorieren und „bloglos“ glücklich bleiben?

Liebe Moderatorin, da wir nicht in einem autoritären Staat leben, darfst du tun und lassen, was du willst. Dazu gehört euch, Blogs nicht zu lesen. Erstaunlich, nicht wahr?

[…] nur ein regelmässig geführtes elektronisches Tagebuch. [Auszug aus einem Blog-Artikel über den Weg zum Bahnhof, Weblog „Purzelbaum“]

Soviel zu Thesen-Journalismus … Aber hören wir weiter:

Hobby-Poesie in Tagebuch-Form als Mittel zur Selbstdarstellung, das sind Weblogs, nicht mehr, nicht weniger. Aber sicher kein neues Massenmedium, sagt Medienwissenschaftler Mirko Marr von der Universität Zürich.

Behauptet ja auch niemand – ausser ein paar Journalisten, Forschern und geschundenen Studenten weiss eh niemand, was ein Massenmedium überhaupt ist! Es geht doch viel eher darum, „vorauszusagen“, ob Blogs ein kurzfristiger Hype sind oder nicht.

Im Gegenteil: Er prophezeit den Weblogs ein ähnliches Schicksal, wie vielen anderen Themen, die in den letzten Jahren als bahnbrechende „Internet-Erfindung“ angekündigt wurden. [Mirko Marr] „Wir hatten die Online-Foren, die Online-Auktionen, wir hatten die Chatrooms, wir hatten die Sex-Seiten und die Sex-Angebote, und alles wurde sozusagen als Trend und typisch für das Internet ausgerufen und das wenigste davon hat sich tatsächlich Massenhaft durchgesetzt.“

Aha. Elfenbeinturmstrasse 1, oder wie lautet Ihre Adresse, Herr Marr? Sex-Sites haben sich nicht durchgesetzt? Welcher Idiot kauft dann www.sex.com für läppische 14 Millionen Dollar? Online-Auktionen? Braucht heute niemand. Komisch nur, wie 170’000 Menschen heutzutage rein nur vom Handel auf eBay leben.

Schade, dass solche Aussagen nun für alle Ewigkeit im Netz der Netze aufbewahrt bleiben wird. Wäre mir peinlich, Herr Marr.

[…] vier von fünf Amerikanern haben den Begriff Weblog noch gar nie gehört, erklärt Mirko Marr. Vergleichbare Zahlen für die Schweiz gibt es noch gar nicht. Der Medienwissenschaftler glaubt aber, dass die Nutzung auch bei uns gleich tief ist.

Aber Herr Dr. Marr *kopfschüttel* Wie kann man von einer Umfrage, die nach der Kenntnis eines Begriffs fragt, auf die tatsächlichen Nutzerzahlen schliessen? Machen Sie mal eine Umfrage über das Wort „Browser“ (braucht jeder, wissen viele aber nicht, um was es sich dabei handelt). Da werden Ihnen die Haare noch mehr zu Berge stehen – denn überträgt man diese Antwort-Zahlen auf die schweizerische Bevölkerung, surft kaum mehr jemand im Web.

Ich zweifle die hier angewendete wissenschaftliche Methode vehement an!

These

[Mirko Mar] „Alle Zahlen, die wir darüber haben, deuten darauf hin, dass bisher eine sehr kleine Zahl von Menschen Weblogs anbietet und auch nicht eine wirklich viel grössere Zahl von Menschen Weblogs nutzt.“

Okey, okey … okey! 1’000 (aktive) Blogs gibt es in der Schweiz etwa. Technorati, die führende Blog-Suchmaschine, listet 27.9 Millionen Weblogs. Die Blogger scheinen also tatsächlich nur für sich selber zu schreiben.

Selbst wenn „nur“ 20% der Amerikaner wissen, was Blogs sind, und davon nur 5% diese auch regelmässig lesen: Das sind doch über 1.5 Millionen Menschen. Nicht, dass dies umwerfende Zahlen sind – aber für den Werbemarkt sind solche Leute garantiert nicht uninteressant. USA Today hat um die 2 Millionen Leser, so als Vergleich.

[Mirko Mar] „Der soziale Druck, der aufgebaut wird eben auch durch Berichterstattung oder durch Werbung, reicht dann, oder ist sozusagen der Auslöser, dass man sich solche Angebote mal anschaut. Aber dieser Druck reicht nicht aus, damit man permanent auch dabei bleibt.“

[Moderatorin] Von den Internet-Schlagwörtern müssen wir uns als nicht „stressen“ lassen. Die meisten werden viel zu heiss gekocht und verdampfen deshalb auch ziemlich schnell wieder. Weblogs gehören ziemlich sicher auch zu der Kategorie. Erste Indizien gibt’s ja schon: Die Weltwoche hat bspw. im letzten Halbjahr gerade zwei ihrer Blogs abgeschaltet.

Ob bei der Weltwoche das Desinteresse der Leser zur Absetzung der Blogs geführt hat? Oder einfach schlicht deshalb, weil man mit Blogs kein Geld generieren kann wie mit Abo-Zahlen und man den Schreibern dafür auch noch Lohn bezahlt? Who knows …

Eh ja, schau’n wir mal. Die NZZ beharrte sechs Monate vor der Einführung von RSS-Feeds auch auf dem Standpunkt, dass solche Feeds nicht in ihr Geschäftsmodell passt.

Weiss jemand, wie diese Moderatorin heisst?

Quelle: Bitflux
Via: DRS 3 – blog off

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