Mittwoch, 1. März 2006

Grounding: Empfehlenswert

Heute Abend habe ich mir mit Kollege Ritz die Schweizerische Produktion Grounding angeschaut.

Rating

Im Gegensatz zu Achtung, Fertig, Charlie ein wirklich gelungenes Stück! Der Film ist handwerklich sehr gut gemacht (Lieblingssujet der Filmer: Corti am Fenster …), aber auch Inhalt und Dramaturgie, wie natürlich auch der teuflische Ospel, perfekt gespielt. Die Zuschauer entwickeln einen richtigen Hass auf den UBS-Chef, wobei ich mir den bündnerisch? angehauchten Finanzchef lieber hätte vornehmen wollen, würde ich ihm in einer dunklen Gasse begegnen.

Der Soundtrack gefiel mir auch sehr gut – natürlich Züri Wests „Toucher“ am Schluss, klar, das aber gab bei mir als bernisch sozialisiertem Jugendlichen nicht den Ausschlag: Dieses eine Musikstück, das während angespannten Situationen gespielt wird, ist der Hammer. Sollte der „Score“ mal erschienen, werde ich mir ihn kaufen. Wie übrigens auch die DVD, keine Frage.

Die einheimische Filmzunft scheint also (doch noch) etwas auf dem Kasten zu haben. Ich hoffe, dass die Filmförderung diesen Erfolg (272’649 Zuschauer in den ersten fünf Wochen) auch dementsprechend „belohnt“. Wir brauchen in der Schweiz mehr von dieser Sorte Film!

Fehler

Zwei Dinge sind mir aufgefallen:

  • „Maitre de Cabine“ – Zwei Swissair-Angestellte (Corti? Ich weiss es nicht mehr) unterhalten sich im Terminal in Zürich-Kloten und lassen den Begriff „Maitre de Cabine“ fallen. Intern benutzt man dafür aber die Abkürzung „MC“ (Em-Ce, auf Deutsch).
  • Gleiche Crews – Im Gegensatz zum Film, wo wohl aus dramaturgischen Zwecken immer dieselbe Crew (Pilot/Kopilot sowie restliches Kabinenpersonal) unterwegs waren, gibt es heutzutage die Rotation. D.h. man ist kaum jemals wieder mit denselben Personen auf dem Flug, ausser man wünscht dies explizit. Selbst dann kann man nur eine Person wählen, mit der man gerne zusammen fliegen möchte.

Interessantes

Kollege Ritz, selbst bei Swiss als Flight-Attendant tätig, hat sofort erkannt, dass es sich bei der blonden Mutter und Swissair-Angestellten um eine MC gehandelt hat – anhand der vier Streifen an ihrem Kostüm. Auf solche Details wiederum habe ich mich kaum geachtet … aber Recht hat er natürlich.

Ospel is Evil

Naja. Der normale Kinogänger wird hoffentlich das Gezeigte nicht 1:1 auf die Realität übertragen. Wenn auch Ospel diabolisch daherkommt – die Swissair, ihre Leitung und deren Verwaltungsrat, hätten sieben Jahre Zeit gehabt, genau solche „Torschlusspanik“ zu vermeiden. Aber wenn es dann eben schlussendlich nur noch um Tage oder gar nur Stunden geht, kann halt jemand, der nicht gerade spurt, fatale Auswirkungen haben. Selber Schuld. Seien Sie beruhigt, Herr Ospel: Mit diesen Überlegungen ist auch die Produktion einer „richtigen“ Doku hinfällig.

Staatseingriff?

Ich bin immer noch der Meinung, dass der Staat unter den genannten Bedingungen nicht hätte eingreifen sollen. Ausser man hätte man die Swissair seit Anbeginn weg als Staatsunternehmen betrieben. In einem solch‘ marktwirtschaftlichen Umfeld wäre es schlicht und ergreifend an der Privatwirtschaft gelegen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Die ganze Tragödie zeigt aber eines auf: Das totale Versagen von Politik und Wirtschaft. Dies ist – wie im Film von einem CVP-Nationalrat postuliert – eine Peinlichkeit sondergleichen. Für was haben die Leute eine teure Ausbildung hinter sich, verdienen Millionen (resp. Bundesräte 400’000 SFr.) pro Jahr und leiten Grosskonzerne mit Tausenden von Mitarbeitern, wenn sie in solchen Ausnahmesituationen komplett versagen? Sind die nur fähig, gut funktionierende Konzerne zu leiten?

Abgewürgt

Rein auf Grundlage des Films würde ich behaupten, dass die Swissair ihrem Ende zugeführt wurde. Es war die einfachste Methode, dieses Konglomerat zu liquidieren und einen Neuanfang zu wagen. Ich persönlich hätte auch lieber reinen Tisch gemacht, als weitere Monate an der eierlegenden Wollmilchsau Swissair herumzudökterlen. Also ein pragmatischer Entscheid, den ich doch anerkennen möchte, wenn er wohl hinterhältig gefällt wurde.

Als man aber reinen Tisch gemacht hatte, wurde ein weiterer Fehler begannen: Als die Karten neu zu verteilen und sich länger als einige Minuten Gedanken zu machen, griff man beim nächstbesten Konzept zu. Hier wäre ein längeres Brainstorming nötig gewesen, das viele Stimmen berücksichtig hätte. Wenn man schon neu anfängt, dann bitte wohlüberlegt. Die Geschichte hat gezeigt, dass auch die Swiss nicht unbedingt viel aus dem Swissair-Debakel gelernt hat.

Der kleine Junge

Passt mir auf, dass der traumatisierte Bursche nicht in zwielichtige Kreise abrutscht: Zuerst bekifft sich der zarte Jüngling zusammen mit seinem Kollegen in der heimischen Wohnung beim Playstation-Spiel, während seine alleinerziehende Mutter als Maitre de Cabine in der Weltgeschichte herumdüst. Kurze Zeit später wird er von seiner (verfrüht) zurückkehrenden Mutter überrascht, als er sich mit seinem besten Kollegen einen Porno-Film zu Gemüte führt. Dann schlägt sein künftiger? Stiefvater an 9/11 im Vollsuff die Balkontüre zur Wohnung derselben Frau ein, obwohl er den Schlüssel in der Tasche hat – und verblutet dabei fast. Schlussendlich stirbt am Tag des Groundings auch noch der selbsternannte Grosspapi des Jungen, ein SAir-Techniker-Veteran, weil er den Stress am Flughafen mit Geld-abheben nicht mehr erträgt.

Dennoch scheint der Junge tatsächlich die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium hingekriegt zu haben (die Mutter erwähnt es am Rande). So eine „Meisterleistung“ ist meiner Meinung heutzutage nur in Ausnahmefällen möglich – wer hat den mit dem Burschen Aufgaben gemacht? Die Mutter ja kaum, die primär einmal Geld verdienen muss …

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