Dienstag, 27. Juni 2006

Blocher an der Uni: Tumulte

Hier bereits einmal zu voreilig angekündigt, nun aber doch noch wahr geworden: Heute Dienstag-Morgen fand der Besuch unseres Bundesrats Christoph Blocher an der Universität Bern statt. Gastgeber war Professor Roger Blum vom IKMB, der den Magistraten als Gastredner zur diessemestrigen Vorlesung „Einführung in die Politische Kommunikation“ geladen hatte.

Rückblickend gab es beim Besuch eines Gastreferenten wohl noch nie einen derartigen Tumult. Doch alles der Reihe nach.

1. Akt

Der Beginn der Veranstaltung war auf 8 Uhr 30 angesetzt gewesen – optimal für mich als Zugreisenden, der just um 08.15 Uhr im Bern mit der S1 eintraf. Ohne Beeilung erreichte ich die Aula und setzte mich in die vorderen Ränge – aber erst, als sich mein Nachbar davon versichert hatte, dass ich in meinem Schulsack keine Rauchbombe mit mir führte.

Wie ich gleich anschliessend erfuhr, hatten nämlich links-extreme Kreise angekündigt, den Besuch mit einer ebensolchen Bombe zu stören. Sogar 20minuten schrieb heute Morgen darüber.

8 Uhr 30 verstrich, ohne dass sich der SVP-Bundesrat blicken liess. Immerhin sah ich ein bekanntes Gesicht – ein grosser, hagerer Mann, dunkel-graue Haare, der bereits beim Besuch von Micheline Calmy Rey vor einigen Wochen zugegen war. Ein Exponent der Uni? Oder doch ein Sicherheitsbeamte? Oder jemand aus der Bundeskanzlei? Auch Sicherheitsleute waren gut sichtbar an den Eingängen der Aula postiert.

Plötzlich trat Roger Blum vor die Anwesenden und beschied uns, dass der Besuch auf Grund von Sicherheitsvorkehrungen in das Auditorium Maximum im unteren Stock zügeln müsse. Dort wolle man die Taschen der Teilnehmer vor dem Einlass durchsuchen, wofür gut sichtbar Polizisten bereit standen.

Etwa hundert bis zweihundert Studenten trotteten also brav die Treppe hinunter und strömten über die hinterste und vorderste Tür in den AudiMax. Eingangskontrolle und „Filzung“ fand aber wider Erwarten keine statt, was sich als folgenschwerer Irrtum der Organisatoren herausstellen sollte. Da sassen wir nun im zweiten Raum, doch auch hier keine Spur von Blocher.

Ein Techniker schaltete den Beamer ein und schien etwas auszuprobieren. Was er vorhatte, konnte ich nicht genau erkennen. Ich vermutete, dass man wohl versuchen wollte, eine Video-Übertragung durchzuführen: Blum und Blocher im oberen Stockwerk, die Gäste abgeschirmt im Vorlesungsaal gleich darunter?

Erneuter Planwechsel

Nach weiteren zehn Minuten wurden wir alle richtig stinkig gemacht: Zurück in die Aula, dieses Mal aber wirklich mit Taschenkontrolle. Der Geduldsfaden schien bei den ersten zu reissen, doch die Mehrheit bewegte sich ohne Murren wieder die Treppen hoch.

Dann begann das lange Warten: Jede Person wurde von Polizisten in Uniform vor dem Einlass durchsucht, Taschen mussten draussen bleiben. Während dem Anstehen hörte ich hinter mir:

U das aues nume um ne Rächtspopulischt z’ghöre … *kopfschüttel*

Irgendwann einmal gelangte auch ich in den Saal zurück und suchte mir im hinteren Teil ein freies Plätzchen. Dort traf ich auf Kollegen RS. Wer ihn nicht kennt: Feuerrote Haare, Alternativ-Look, Che-Guevarra-Tattoo auf dem Oberarm, Rugby-Spieler. Zur Feier des Tages hatte er sich auch noch ein Che-T-Shirt aus dem Kleiderschrank geholt.

Nach einem kurzen Smalltalk-Geplänkel wurde ich von RS‘ Kollegen angehauen, ob ich denn auch ein Linker sei wie sie. „Naja, …“ antwortete ich, „halt so ein Cüpli-Sozi und Kaviar-Linker“. Das Interesse an meiner Gesinnung nahm schlagartig ab. Ich machte es mir auf meinem Stuhl gemütlich und wartete gespannt, aber sichtlich genervt zugleich auf den Auftritt des Justizministers.

Wie sich in Kürze herausstellen wird, habe ich mit meinem Sitzplatz – wäre ich an einem Fussballmatch – die Muttenzer-Kurve erwischt (der Vergleich hinkt natürlich ein wenig, da es sich bei den Leuten um mich herum nicht um „Fans“ des „spielenden Teams“ (Blocher) handelt).

Akt 2

Um etwa 9 Uhr 30 dann endlich die Erlösung: Blocher betritt den Saal. Aus meiner Warte heraus sehe ich ihn fast gar nicht – „Jööö, ist der klein!“ denke ich mir im Stillen: Blocher scheint etwa meine Körpergrösse zu haben.

Kaum im Raum, geht das Gebuhe los: Zuerst tönt es, als würde alle Anwesenden gleichermassen schreien, doch hört und schaut man genauer hin, gibt es im Raum etwa 10-15 Personen, die den Radau verursachen. Zusätzlich stampft man mit den Füssen. Die restlichen Studenten schauen sich kopfschüttelnd an.

Auf Grund des Heidenlärms versteht man von Blums Einführung des Gastes kein Wort. Blocher scheint angespannt, sein Kopf leuchtet rötlich. Blocher erstaunt mich und Kollegen Stähli gleichzeitig, indem er den Raum nicht etwa verlässt, sondern sich mutig vor die Menge stellt. Wir beide an seiner Stelle hätten längst reiss aus genommen. Blochers überlegtes Verhalten wird ihm im Laufe der Veranstaltung zu Gute kommen.

Langsam kehrt Ruhe ein, doch dann und wann gibt es wieder Zwischenrufe aus den Reihen der Unruhestifter. Die Kritik scheint sich hauptsächlich gegen die Revision des Asylgesetzes zu richten. Immer wieder hört man „Sans papiers!“ und andere Schlagworte.

Wohltuend ausgleichend steht plötzlich ein mit Zivilcourage bestückter Zeitgenosse auf und brüllte mit hochrotem Kopf Richtung der Unruhestifter:

Houet doch ab, dir Arschlöcher!

Das Votum wird durch Beifall unterstützt, nimmt den Radaubrüdern aber keineswegs die Motivation.

Blocher spricht nur kurz über seinen Kommunikationsstil, hastig und ohne klare Struktur. Die Kernaussage scheint aber beim Publikum anzukommen: Rede so, damit dich der gegenüber versteht. Die Aussage besteht in unserem Fall auch gleich den Praxis-Test – Blocher ist (wie erwartet) ein sympathischer Redner ohne verklausulierte Satze, geschliffener Aussprache und Fremdwörtern.

Akt 3

Der letzte Teil des Gesprächs mit Blum verläuft sehr ruhig. Zuerst stellt unser Medienwissenschaftler einige pointierte Fragen (u.a. „Kommunikationsdebakel Swisscom“). Danach erhält der Saal das Wort.

Auf Fragen der Linken, die sich nur um das Ausländergesetz, nicht aber das Thema der Vorlesung („politische Kommunikation“) interessieren, antwortet Blocher souverän und ruhig, wehrt Zwischenrufe Arena-like mit „Jetzt bin ich aber dran!“ ab. Alles in allem ist die Argumentation der Freiheitskämpfer unter aller Sau. Ob Blocher den Ausgewiesenen auch in die Augen schaue? will jemand wissen. Wie er dazu stehe, wenn den Ausgewiesenen im Heimatland der sichere Tod drohe? Oder wenn bei der Ausschaffung gar Auszuschaffende sterben?

Blocher betont, dass es bei Ausschaffungen keine Toten geben dürfe. Deshalb seien neue Gesetze erlassen worden, die klar Regeln, welche Hilfsmittel bei der Ausschaffung angewendet werden dürfen und welche nicht. Zudem berichtet er, dass er selbst bereits in einem gecharterten Flugzeug sass und mit den Auszuschaffenden gesprochen habe. Er habe versucht, diesen Leuten klar zu machen, dass er „nur“ Gesetze einhalte – schliesslich müsse man alle gleich behandeln. Ein Abgewiesener habe ihm beim Abschied aber gesagt: „Wir sehen uns in ein, zwei Jahren!“. Durch die Gesetzesrevision könne eine erneute Einreise nicht mehr passieren, davon ist er überzeugt.

Eine Frau enerviert sich im Anschluss darüber, dass man zwei Mal den Raum wechseln musste und Eingangskontrollen durchgeführt wurden. Auch das anfängliche Fehlen einer Polizistin zum Abtasten der Frauen löst bei der Votantin Ärger aus. Blocher pariert – korrekterweise – dass diese Vorkehrungen Aufgaben des Veranstalters seien. Er könne sich dazu nicht äussern.

Danach folgen noch zwei Fragen von Studenten zum Thema. Letzterer, Prototyp eines Denkers und unter Medienwissenschafts-Studenten berühmt-berüchtigter Fragesteller, stellt die philosophische Frage, ob denn die Medien die Wirklichkeit 1:1 abbilden oder nicht. Ausser den Studenten selber scheint sich kaum jemand dafür zu interessieren.

Unter Zeitdruck würgt Blum die Diskussion nun ab. Am Ende der Veranstaltung gibt es für den Magistraten Wein und ein Buch als Geschenk. Es folgt ein respektierender Beifall der gemässigten Anwesenden. Als die Studenten bereits den Raum verlassen, setzt Blocher noch einen drauf:

Gerne dürfen Interessierte (gemeint sind wohl die Radaubrüder) mit ihm in einem anderen, kleineren Raum direkt mit ihm diskutieren kommen. Er stelle sich zur Verfügung, alle Fragen zu beantworten. Einige nehmen das Angebot wahr – ich will nur noch raus aus dem Hauptgebäude.

Fazit

Ein Sieg nach Punkten für Blocher. Indem die Che’s sinnlos herumlärmten, Blochers Rede störten und dumpfe Parolen von sich gaben, stellten sie sich auf dasselbe Niveau wie die von ihnen verhassten Populisten. Ausserdem lenkten sie mit ihren Aktionen davon ab, dass Blocher kaum Stellung bezog und um den heissen Brei herumredete. Aus dem Besuch hätte man als kritischer Zeitgenosse mit den richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt viel herausholen können. Doch mit dieser kindischen Aktion haben sich die alternativen Brüdern und Schwestern selbst ein Ei gelegt.

Nachdem das Überraschungsmoment der militanten Blocher-Gegner verflogen war, fühlte ich mich zunehmend wie im Kindergarten (eine für unsere Gesellschaft allgemeine Tendenz, wie von der Forschung kürzlich bestätigt). Beispiel: Fiel das Stichwort Swisscom, folgte eine prompte Reaktion, obwohl ich stark bezweifle, dass diese Jungs und Mädels nur eine entfernte Ahnung von der momentanen Diskussion über das Staatsunternehmen haben. Als Blocher das Wort „Kampf“ aussprach, entfuhr einem Linken umgehend „Mein Kampf!“.

Mit Rauchbomben drohen und sich danach über die starke (aber zurückhaltende) Polizeipräsenz aufregen? Widersprüche scheinen diese Klientel nicht zu beunruhigen.

Rechtsextreme, die die Rütli-Feier stören, Linksextreme, die Blocher ausbuhen und seine Rede dauernd mit Zwischenrufen unterbrechen – wo ist da noch ein grosser Unterschied? Ich mag jedenfalls keine grossen Differenzen zu erkennen. Beide Gruppierungen gehörten gemeinsam in einen schalldichten Raum gesperrt. Mit Bier für die Antifa-Jungs, mit Baseball-Schlägern für die Glatzen.

Auch wenn ich Blocher nicht mag – tritt er als Gastreferent auf, möchte ich ihm zuhören können. Meinungs- und Redefreiheit eben. Wie schön sagte es doch bereits Voltaire:

Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.

Solange unser Bundesrat also nicht gegen das Gesetz verstösst, darf er reden so viel er will. Wer ihm nicht zuhören mag, muss das auch nicht tun.

Ausgewählte Zitate Blochers

(Sinngemäss, keine wortwörtliche Abschrift)

Man muss den Zuhörern in die Augen schauen. Deshalb rede ich ohne Manuskript – muss man ablesen, kann man den Leuten nicht in die Augen schauen.

Man muss nicht sagen, was man weiss – man muss sagen, was man will.

[Vorwurf der Gewerkschaften während EWR-Abstimmung, Blocher sei exorbitant Reich] Sehen sie, es wäre nicht gut, wenn ein Unternehmer nicht reich wäre. Das würde bedeuten, dass es das Unternehmen nicht mehr lange gäbe.

Einen Gegner wie Peter Bodenmann habe ich gemocht. Indem er seinen Standpunkt darstellte, fiel es leichter, meinen eigenen Standpunkt darzulegen und von seinem abzugrenzen [verschiebende Handbewegung].

Inkognito

Noch etwas: Nachdem ich gefilzt worden war begab ich mich in den hinteren Teil der Aula, wo eine gut getarnte Person herumschlich. Baseball-Kappe, Touristen-T-Shirt, Bäuchlein und bewaffnet mit Digitalkamera. Bei genauerem Hinsehen schien ich doch tatsächlich Claude Longchamp unter der Maskerade zu erkennen. Was machte er hier? War er es wirklich? Wieso nicht in Schale und mit Fliege? Leider blieb diese Frage unbeantwortet – vielleicht habe ich mich im Eifer des Gefechts ja auch schlichtweg getäuscht.

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Labels: Politik, Wirtschaft

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