Mittwoch, 5. Juli 2006

Mythos "linke Presse"

In den letzten Monaten vernahm man von Seiten der JSVP immer wieder den Vorwurf, die Presselandschaft Schweiz sei stockschwul stocklinks. Als studierender Medienwissenschafter im Nebenfach darf natürlich mein Senf zu diesem Gericht nicht fehlen.

Schwammig zum Ersten

Bereits bei dem aus zwei Wörtern bestehenden Kampfbegriff sei eine Frage erlaubt: Was zum Teufel heisst denn jetzt „links“? Schwach links-liberal? Gar sozialistisch? Kommunistisch?

Antwort könnte eine Doku-Sendung geben. Per Zufall zeigte uns Prof. Roger Blum gerade in dieser Zeit in der Vorlesung „Einführung in die politische Kommunikation“ eine Doku zum 50-Jahre-Jubiläum des Schweizer Fernsehens mit dem sinnigen Titel: „Vom Schmuddelkind zum Leitmedium“.

Irgendwo im Film fällt die Aussage (sinngemäss):

„Für die SVP ist alles links, was nicht ihrer eigenen Meinung entspricht“

Bezeichnet man mit „links“ also gar nicht konkret zu bewertende Aussagen von Presseerzeugnissen, sondern primär einmal alles, was einer bestimmten Partei nicht in den Kram passt? Eine Kritik also, weil in den Medien plötzlich nicht mehr das einfache und propagandistisch effiziente Schwarz-/Weissbild wiedergegeben wird, sondern ein grauer Teppich?

Die Angelegenheit wird jedenfalls zunehmends schwammiger – aber zeigt auch auf, von wem primär die Kritik ausgeht: Von der Schweizerischen Volkspartei. Ich habe mir zwar jetzt nicht die Mühe gemacht, nach Voten von Anhängern anderer Parteien zu suchen, habe aber das Gefühl, dass dies eines der vielen SVP-Selbstbemitleidungs-Themen ist, die periodisch herumgeistern.

Punkt 1: Macht man den Vorwurf, ist „links“ hieb und stichfest zu definieren. Meint man damit die Nachrichtenauswahl (welche Themen bringt eine Redaktion überhaupt in die Zeitung)? Oder meint man die Meinungsäusserung von Journalisten in Kolumnen und Leitartikeln, bspw. vor Wahlen und Abstimmungen?

Schwammig zum Zweiten

Nachdem als der Terminus „links“ für Verwirrung sorgt, folgt zugleich die nächste Unklarheit: Was meint man mit Presse? Sind das Presseerzeugnisse (also einzelne Blätter wie – bspw. – die NZZ)? Oder noch mehr generalisierend ganze Medienhäuser? Oder meint man doch nicht eher – eine Ebene tiefer als die Zeitung – linke Journalisten?

Die Parteizeitungen sind in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zunehmends von der Bildfläche verschwunden. Neben der (unbestritten) linke WoZ oder die liberale NZZ oder die rechtsnationale Schweizerzeit gibt es kaum eine Zeitung, die sich explizit zu einer Partei oder (etwas vager: einer politischen Strömung) zugehörig fühlt. Hier vollzieht sich eine Entwicklung, die die zwei angelsächsischen Länder USA und Grossbritannien bereits im 19. Jahrhundert abgeschlossen hatten.

Ich bezweifle, dass Medienhäuser freude daran hätten, als „links“ bezeichnet zu werden – schliesslich brächte sie das in Konflikt mit dem liberalen Credo des freien Marktes und des Kapitalismus (die Linke ist bekanntermassen ja bereit, diese Grundsätze zum Wohle der Schwachen mal mehr, mal weniger zu dehnen).

Punkt 2: Meint man mit Presse einzelne Tageszeitungen, wohlwissend, dass es sich bei dieser Generalisierung um ein schwer fassbares Gebilde handelt, das sich aus Individuen (Medienschaffende) mit unterschiedlichen Meinungen und Auffassungen zusammensetzt? Man vergesse nicht: Redaktionen sind nicht gleichgeschaltet.

Auswirkungen

Selbst wenn die Presselandschaft Schweiz „linksdominiert“ wäre – welche Auswirkungen hat das?

Die SVP beklagt sich (in einem mir gerade präsenten Fall) darüber, dass ihre Aktion mit „trojanischem Pferd“ (nie gehört – eben wohl gerade wegen der Nichtbeachtung durch die Medien *grins*) in keiner Zeitung erwähnt wurde. Medienschaffende wählen aber veröffentlichswerte Nachrichten nicht primär nach ihrer Gesinnung aus (Motto der Verschwörungstheoretiker: „die linken News in die Zeitung, die rechten in den Rundablage …“) sondern viel rationaler nach den sog. Nachrichtenwerten oder -faktoren. Gerade wenn es sich um künstlich Ereignisse dreht, die rein nur stattfinden, um Medienpräsenz zu erlangen, darf keinem Redaktor der Vorwurf gemacht werden, das Thema willentlich weggelassen zu haben. Auch hier regiert – in übertragenem Sinne – der Markt: Die interessantesten, spannendsten, farbigsten Nachrichten werden gedruckt. Etwas, was den Rechten ja durchaus gefallen müsste. Das spornt an und führt unter dem Strich für alle Marktteilnehmern zu positiven Auswirkungen – wie öde wäre eine Quote an vermeintlich „linken“ und „rechten“ Artikeln?

In der Medienlandschaft besteht in heutiger Zeit sowieso die Tendenz, nicht einfach zu verlautbaren, was der Pressesprecher der SVP gesagt hat, sondern diese Aussagen in den Gesamtzusammenhang zu setzen und dem Leser eine Interpretation zu liefern (Stichwort: Komplexitätsreduktion). Zum guten Ton gehört es im Journalismus hierbei, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen und Argumente beider Seiten abzudrucken.

Selbstverständlich schimmert aber spätestens bei Kommentaren und Leitartikeln dann die Gesinnung wieder durch. Diese sind nach aller Regel der Kunst dementsprechend gekennzeichnet (im Bund beispielsweise mit kursivem Titel).

Gerade bei Abstimmung verlangt es der Leser meiner Meinng nach, eine Wahlempfehlung präsentiert zu bekommen. Und zwar nicht ein simples „Ja“/“Nein“, sondern eine erläuterte Entscheidfindung mit guten, nachvollziehbaren Argumenten. Jeder Medienwissenschafter weiss zudem: Es ist schier unmöglich, Einstellungen eines sog. Rezipienten durch Medienaussagen um 180 Grad zu drehen. Die Verstärkung einer bestehenden Meinung dagegen liegt im Bereich des Möglichen.

Ein kurzes Beispiel mit Blick auf das Asylgesetz: Selbst wenn die Linken einen millionenteuren Wahlkampf führen würden – der Xenophoe wird deswegen garantiert immer noch Ja stimmen. Lassen rechte Kreise vor der Abstimmung aber verlauten, dass es mit den Stimmenzahlen knapp werden könnte, kann dies ein Grund sein, mehr Personen (mit rechter Gesinnung) zum Gang ins Wahllokal zu mobiliseren …

Wieso so viele linke Journalisten?

Die Rechte muss sich aber noch eine weiterführende, fast philosophische Frage gefallen lassen: Gehen wir von einem liberalen Modell aus (dass in mir einmal solche Gedankengänge stattfinden – ein Novum!), regelt sich der „Medienmarkt“ selber. Eine „linke Presse“ wäre also das Resultat marktwirtschaftlicher Kräfte. Ein Markt, auf dem es anscheinend für rechte Presse-Erzeugnisse kaum Überlebenschancen gibt. Zumindest ist mir keine auf SVP-Linie polternde Tageszeitung bekannt. Wieso? Geht man von den Wählerzahlen aus, denkt ein Viertel der Wähler in ähnlichen Bahnen wie die „Volkspartei“ – handelt es sich dabei allesamt um Analphabeten? Oder stehen wir schon im Endstadium der Verweigerungshaltung gegenüber der „linken Presse“? Oh graus: Lesen SVP-Wähler nicht überproportional den (heute linken) Blick? Wieso tut man sich das an? Gerade den Rechten sollte es doch finanziell kaum schwer fallen, eine rechte Tageszeitung (welch ein Wortspiel!) zu lancieren …

Anderer Ansatz: Produzieren die Rechten einfach zu wenige fähige Journalisten? Wieso? Studieren weniger Personen aus diesen Kreisen? Oder absolviert man als richtiger Rechter wirtschaftsnahe Studiengänge?

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Labels: Medien, Politik

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