Samstag, 21. Oktober 2006

Xenophobie – auf die Spitze getrieben

Per Zufall bin ich über meinen alten Herren auf ein furchteinflössendes Dokument gestolpert:

Die letzten Schweizer! Es war im Jahre 2020 …

Ich wurde wach vom Ruf des Muezzins, der über Lautsprecher von der benachbarten Moschee in mein Ohr drang. Ich hatte mich längst daran gewöhnt. Früher war sie mal eine Kirche gewesen, aber sie war schon vor vielen Jahren zur Moschee umfunktioniert worden, nachdem es der islamischen Gemeinde in unserem Viertel in ihrer alten Moschee zu eng wurde. Die wenigen verbliebenen Christen hatten keinen Einspruch gewagt. Unser türkischer Buergermeister, Herr Mehmezal meinte, es sei längst an der Zeit, der einzig wahren Religion mehr Platz zu schaffen.

Die wenigen Schweizer die noch in unserer Gegend wohnen, schicken ihre Kinder alle in die Koranschule, damit sie es leichter haben sich zu integrieren. In den Schulen wird in türkisch unterrichtet, auch in jugoslawisch oder arabisch, je nach der Mehrheit. Die wenigen Schweizer Kinder müssen sich eben anpassen; Kinder haben ja wenig Mühe mit dem Erlernen von Fremdsprachen. Alex, unser 10-jaehriger, spricht zu Hause meist gebrochen Deutsch, fällt aber immer wieder ins türkische; da wir das nicht können, schämen wir uns. Alex ist das einzige Kind mit Schweizer Eltern in seiner Klasse, er versucht sich so gut er kann anzupassen.

Ich will die Nachrichten im Radio einschalten, finde aber erst nach langem Suchen einen deutschsprachigen Sender. Seit die Frequenzen nach dem Bevölkerungsanteil vergeben werden, müssen wir uns eben umstellen. Der Sprecher sagt, dass auf Druck der fundamentalistischen „Partei des einzig richtigen Weges“ im Bundeshaus ein Kopftuchzwang für alle Frauen eingeführt wird. Meine Frau trägt auch eins, um weniger aufzufallen; sie wird jetzt nicht mehr sofort als Schweizerin erkannt und freundlicher behandelt.

Ausserdem soll auf einstimmigen Beschluss ein „Tag der Schweizer Schande“ eingeführt werden, der an die Intoleranz der Schweizer erinnern soll, insbesondere an die Ausländerfeindlichkeit. Ich sehe aus dem Fenster auf die Strasse. Die Barrikaden sind noch nicht weggeräumt und rauchen noch; aber die Kehrrichtabfuhr, ist schon am Aufräumen. Gestern hatten sich serbische und kroatische Jugendliche in unserer Strasse eine Schlacht geliefert – oder waren es türkische und kurdische? Unsere Scheiben sind diesmal heil geblieben.

Meine Frau hat wieder Arbeit gefunden, in einem türkischen Restaurant, als Aushilfe. Da Ausländer bei der Arbeitsvergabe vorrangig behandelt werden, ist das ein grosses Glück. Ich muss nicht mehr zum Arbeitsamt; mein Berater, Herr Hassan Muftluft sagt, ich sei als Schweizer nicht mehr vermittelbar und hat mir einen Sprachkurs in Aussicht gestellt. Ich habe natürlich) zugestimmt, so eine Chance bekommt man nicht alle Tage.

Mein Vermieter, Herr Ali Yueksel, erwähnte gestern beiläufig, dass er die Wohnung einem seiner Brüder und dessen Familie versprochen habe und wir sollten uns schon mal nach etwas anderem umsehen. Auf meinen schüchternen Einspruch hin meinte er nur, er habe gute Beziehungen zu den örtlichen Behörden. Nun müssen wir also raus, aber besonders schwer fällt uns der Abschied aus unserer Gemeinde nicht. Wahrscheinlich werden wir, wie viele unserer alten Bekannten und Nachbarn, in die anatolische Steppe auswandern. Die türkische Regierung hat dort allen deutschsprachigen grosszügigerweise ein Stück Land angeboten. Es ist eine Art Reservat für uns, wir wären dort unter uns und könnten unsere Sprache und Kultur pflegen. Diese Idee beschäftigt uns schon lange!

Es lässt sich jetzt darüber streiten, ob dieses Mail wegen den Wahlen vom 24 September 2006 erstellt wurde … Aber schickt es weiter, wenn es euch zusagt.

Es lebe die Eidgenossenschaft, …. noch !

Quelle: Gemeinschaft für die Erhaltung des ursprünglichen Schweizertums (meine Erfindung – keine Ahnung, wer solche „Propaganda“ verbreitet)

Einige Bemerkungen

Ohne Gewissheit zu haben vermute ich, dass dieser Text ursprünglich für deutsche Empfänger ausgelegt war – die Fixierung auf Türken ist ein Hinweis darauf.Nachtrag: Ein weiteres Indiz ist der Begriff Bürgermeister, der hierzulande kaum geläufig ist.

Wahrscheinlich wurde der Titel für die Schweiz angepasst sowie die letzten zwei Abschnitte beigefügt … Beim 24 September fehlt der Punkt nach dem Tag des Monats – das will nicht so recht zum sonst stilistisch und orthographisch korrekten restlichen Text passen.

  • Religion: Muezzine, Moscheen, „gekaperte“ Kirchen … Mal ehrlich: Meint ihr das wirklich Ernst? Welcher Muslim würde freiwillig eine christliche Kirche zu einer Moschee umfunktionieren? Wahrscheinlich haben die Xenophoben noch nicht mitbekommen, dass man SVP-Statistiken nicht ohne Nachzudenken übernehmen und glauben sollte … Grandios! Die muslimische Glaubensgemeinschaft machte im Jahre 2000 4.3% der schweizerischen Wohnbevölkerung aus. Bis 2020 wird sich dieser Anteil also auf über 50% erhöhen?
  • Bildung: Koranschulen, Türkisch als Hauptsprache – da muss ein extremer Wachstumsschub eingesetzt haben (20 Kinder pro türkische Einwanderer?). 2000 betrug der Anteil türkisch sprechender Personen an der Wohnbevölkerung sasgenhafte 0.6%. Wann erscheint ein ähnlicher Text, der vor einer Revolution des Rumantsch-Grischun sprechenden Bevölkerungsteils warnt? Beide „Bewegungen“ haben etwa ähnlich verschwindend kleine Chancen, Realität zu werden …
  • Medienlandschaft: Die Medienlandschaft der Schweiz ist stark vom Ausland geprägt. Wahrscheinlich haben Rechtskonservative und die pöhsen, pöhsen Türken in einer unheiligen Allianz endgültig die Mauern an den Grenzen hochgezogen. Nun sind keine ausländischen deutschprachigen Sender mehr empfangbar …
  • Politik: fundamentalistischen „Partei des einzig richtigen Weges“ – ich erkenne gewisse Parallelen zu mindestens einer bereits seit langem etablierten Partei … Sie hat zwar oft keine Lösungsvorschläge parat, aber das Fluchen über Missstände, das beherrscht sie aus dem Eff-Eff.
  • Gewalttätige Ausländer: Nicht nur das – sie liefern sich gar Strassenschlachten. Das gibt es aber in Frankreich bereits heute – ein Resultat der Ghettoisierung und der Perspektivenlosigkeit (mangelnde Schulbildung, Arbeitslosigkeit). Aber das haben die wohl schon in den Genen, nicht und wir haben damit nichts zu tun.
  • Bedrohung der Arbeitsplätze: Wer sich überlegt, wo heutzutage der Grossteil der Ausländer arbeitet, wird staunen, dass 2020 alle Top-Positionen anscheinend mit exzellent Ausgebildeten Personen besetzt werden und für uns arme Schweizer nur mehr die „Drecksjobs“ übrig bleiben.
  • Vetternwirtschaft, Filz und Korruption: Andere Länder, andere Sitten. Die Gesetze der Schweiz werden zwar schon heute auch von „Eingeborenen“ nicht eingehalten, doch 2020 wird die reine Willkür losbrechen.
  • Auswanderung in geschützte Reservate: Wir Weisse haben ja bereits bei der Besiedelung der USA gezeigt, dass solche Reservate machbar sind und bei den eingepferchten Indianern wahre Glücksgefühle ausgelöst haben.

Ob im Deutschland der 30er-Jahre auch ähnliche Polemik verbreitet wurde? Die grosse Mehrheit sah das Übel ebenfalls in einer Religionsgemeinschaft, den Juden – schlussendlich waren es aber nicht etwa die Juden, die das Deutsche Reich wenige Jahre später in den grössten Krieg aller Zeiten „führten“, sondern eben gerade die grössten Polemiker selbst. Und brachten millionenfach Tod und Verderben über die Bevölkerung, die sie vor dem „Übel“ ja eigentlich bewahren wollten.

Liked this post? Follow this blog to get more. 

Labels: Politik

Kommentar erfassen