Mittwoch, Juni 20, 2007
Die Oekonomen entdecken die Realität
Die Wirtschaftswissenschaften stiessen mit ihrem Bild des Homo oeconomicus, der, immer aus Eigennutz, rationale Entscheidungen zur Profitmaximierung trifft, an eine Grenze. Man merkte, da stimmt was nicht, der Mensch ist anders, auch irrational, unvernünftig, emotional, manchmal gegen seine ureigensten Interessen verstossend. Oder, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz mir vor ein paar Jahren sagte: «Die Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Vernon L. Smith haben zum Glück herausgefunden, dass viele ökonomische Theorien realitätsfremd sind.» -Warum? «Weil die Menschen offenbar systematisch unsystematisch handeln. Die beiden haben bewiesen, dass die meisten Menschen weit weniger egoistisch sind, als die Ökonomen annahmen.» Dann sind alle Wirtschaftsmodelle falsch? «Man muss leider annehmen, dass sie die Wahrheit verfehlen.»
Quelle: Eine Frage des Selbstvertrauens
Schön, dass auch diese Akademiker-Gruppe langsam aber sicher ihre eigenen Theorien entlarvt. Störend ist höchstens, dass mittlerweile ein Grossteil der westlichen Bevölkerung auf die alleinseligmachende Marktwirtschaft eingeschworen wurde. Ich beachte die Verinnerlichung dieses Denkens nicht zuletzt auch bei mir: Die Theorien lassen sich auf fast alle Lebensbereiche übertragen und erklären dort vom Werben um die Partnerin bis zur Wahl des Verkehrsmittels so ziemlich jede Handlung einer Person. Ob dies aber der Wahrheit entspricht und unsere, von der liberalen Gehirnwäsche verschont gebliebenen Vorfahren mit solchen Erklärungsversuchen auch einverstanden wären?
Wie die Lehrer so die Schüler?
Ferner wird durch solche "Enthüllungen" meine Abneigung gegenüber Studenten gewisser Fachrichtungen nicht gerade gelindert. Es besteht zu befürchten, dass diese realitätsfern studieren. Was soll's, so weit ich mich erinnern mag, sind es einige der billigsten Studiengänge an den hiesigen Unis (Ha! Und schon wieder ertappe ich mich in der Argumentationsspirale ebendieser unechten Theoretiker - "money is everything!").
Die Doku zum Thema
The Trap: What Happened to Our Dream of Freedom
Labels: Wirtschaft, Wissen, Wissenschaft
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Kommentare
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Seit Jahrhunderten grübeln wir bereits, wollen dem Wesen Wirtschaft endlich jene Geheimnisse entrinnen, von denen wir versprechen, sie gewinnbringend zu nutzen, was wiederum nicht die Dogmatik verhehlt, die einem westlichen Menschen seit der Schule eingepflanzt wurde: nämlich dass der Markt alles sei, nur er die Realität abbilde. Aber dass wir trotzdem noch nicht wissen, wie dieser Markt nun funktioniert, wird elegant verheimlicht.
Übrigens: Den BWL-Studenten rate ich, zuerst einmal eine KV-Grundausbildung zu absolvieren, die ernüchtert und Erfahrungen realisiert, die anderswo man nicht erfahrt.
Deine Gedanken beinhalten einen fundamentalen Fehler, Mario. Wie andere Wissenschaften arbeitet die Volkswirtschaftslehre mit Modellen. Modelle bilden nie die Realität 1:1 ab. Ein Modell, das die Realität 1:1 abbildet, ist in etwa so nützlich wie eine Landkarte im Massstab 1:1 - d.h. unbrauchbar.
Der homo oeconomicus ist ein Modell. Niemand behauptet, dass der real existierende Mensch ein homo oeconomicus ist. Vielmehr ist der homo oeconomicus eine Art "aggregierter Mensch". Wenn man nicht den Fehler macht, den homo oeconomicus auschliesslich auf das Streben materiellen Besitzes zu reduzieren, dann ist er ein sehr gutes Modell. Das, was gemeinhin als sozial gilt, ist nämlich nichts anderes als ein Streben nach Immateriellem. Man ist sozial, um gut zu sein. Man ist gut, um sich gut zu fühlen. Der Mensch dürstet letztlich nur nach der Ausschüttung von Glückshormonen. Aber hiermit betrete ich schon den glitschigen Boden der Philosophie.
@anonym:
Niemand behauptet, dass der real existierende Mensch ein homo oeconomicus ist.
Da fällt mir spontan nur gerade dies ein:
"Niemand beabsichtigt eine Mauer zu bauen!"
Betrachten wir die Faktenlage: Die im Artikel zitierte Aussage stammt von einer renommierten Wirtschaftsprofessorin; ebenso findet sich in der erwähnten Dokumentation (mehrmals) eine auf's selbe abzielende Kritik.
Ich gehe mit dir einher, dass die Wissenschaft vereinfachte Modelle benutzt, ja benutzen muss. Die Ökonomen scheinen aber den Fehler gemacht zu haben, die selbst erschaffenen Modelle für allgemeingültig erklärt zu haben.
@ Reto
Ich kenne halt wirklich keinen einzigen Ökonomen, der den real existierenden Menschen mit dem homo oeconomicus gleichsetzt. Weder die Verfasser der VWL-Lehrbücher, die ich im Gymer lesen musste, noch die neoliberalsten aller neoliberalen Ökonomen tun dies. Es ist ein dumme Angewohnheit ökonomisch Halbgebildeter (sorry!), den Ökonomen Gedanken in den Kopf zu legen, die sich dort gar nicht befinden.
Die Kritik von Frau Bohnet(habe den hervorragenden Artikel in der Weltwoche gelesen) an der Vernachlässigung der Verhaltensökonomie ist sicher berechtigt, bezieht sich aber nicht auf das, was der gemeine Sozi da gerne raushören möchte. Als Verhaltensökonomin hat sie natürlich eine ganz andere Aufgabe als "klassische" Ökonomen. Dass der homo oeconomicus dabei schlecht wegkommt, hat aber eher damit zu tun, dass der Autor die für Nicht-Ökonomen kaum verständlichen Gedanken Bohnets stark vereinfacht - und damit, dass der homo oeconomicus für Frau Bohnet kein geeignetes Modell darstellt (eben weil sie Verhaltensökonomin ist).
@anonym: Zuerst: Wer ist "Reto"?
Es ist ein dumme Angewohnheit ökonomisch Halbgebildeter (sorry!), den Ökonomen Gedanken in den Kopf zu legen, die sich dort gar nicht befinden.
Danke für die Klarstellung. Ich informiere mich leider nicht aus VWL-Lehrbüchern, sondern aus der (für meiner einer besser verständlichen) Presse. Dort scheint der Homo oeconomicus hie und da zerpflückt zu werden:
Komisch, dass ich bei einer kurzen Google-Suche nach 'homo oeconomicus' schon wieder ein Interview mit einem preisgekrönten Ökonomen finde, wo eben dieses Thema behandelt wird:
Ich glaube, es ist wirklich die Theorie, die jetzt sehr spät auf etwas reagiert, was schon seit Hunderten von Jahren Tatsache ist: dass Menschen nicht nur Egoisten sind, sondern sich eben auch nach dem Prinzip "Wie du mir, so ich dir" verhalten und auf Fairness und Status in einer Referenzgruppe achten. Das ist ganz wichtig.
Abschied vom Homo Oeconomicus
Wieder ein Ökonom, der den Homo oeconomicus demontiert.
Vom Homo oeconomicus zum sozialen Wesen
@anonym: Das kommt davon, wenn Akademiker sich zu schade sind, VWL-Lehrbücher zu lesen! *zwinker*
Also meine Erfahrung zeigt, dass heutige Ökonomen ihre Theorien und Modelle immer mit der Wirklichkeit abgleichen; ich habe jedenfalls nie Ökonomen erlebt, die ihre Modelle für gültig erklärt haben, ohne sie mit der Wirklichkeit abgeglichen zu haben.
Und der homo oeconomicus hat für mich nach wie vor seine Gültigkeit, wenn er mit dem nötigen Pragmatismus angewendet wird; denn wie oben gesagt, beschränkt sich das Streben nach Glück nicht auf materielle Werte, sondern auch auf immaterielle. Lebensqualität, gute Gesundheit, Freunde, etc. sind auch Mehrwerte. Und dass immaterielle Werte nicht nur philosophischen Wert haben, sondern auch bares Geld sein können, zeigt sich in jeder Unternehmensbilanz.
Und so steht bspw. faires, soziales Verhandeln mit Geschäftspartner in keinem Widerspruch zum homo oeconomicus. Denn dies sichert eine langfristige Geschäftsbeziehung, und ist somit reine Profitmaximierung. Und man kann den homo oeconomicus weiter oder enger auslegen, aber dabei solle ein andere Voraussetzung für ökonomische Theorien beachtet werden: die Rechtsordnung wird eingehalten. So hat Diebstahl mit homo oeconomicus nichts zu tun; so wie dies im letzten Artikel (im Kasten am Schluss) vorgegeben wird.