Samstag, August 04, 2007

Hauptbahnhof Bern: Freitag, 22.00 Uhr

Ich humple gerade vom Bankomaten der Crédit Suisse zurück an den Treffpunkt, als ich einer hübschen Blondine in die Augen blicke. In ihrer rechten Hand trägt sie ein 20iger-Nötli. Ich wende mein Blick schon wieder Richtung Treffpunkt, als sie mich anquatscht. Ich fühle mich geschmeichelt (Krücken scheinen einen anziehenden Effekt zu haben), bis die ersten Worte über ihre Lippen kommen:

"Grüessech! [Verdammt, sehe ich schon so alt aus?!] Sit dir scho 18i gsi?"

Ich: "Ehm, i wür meine, ja ..."

Sie: "Chöntet dir mir ga Alk choufe? [Verdammt, quatsche deswegen das nächste Mal keinen Halb-Invaliden mehr an!]"

Ich: "Nei, sorry ... Tuet mer leid."

Zurück bei meinen wartenden Kollegen am Treffpunkt erzähle ich die Geschichte - und werde (vom Juristen, notabene!) gefragt, wieso um Himmels Willen ich der Dame nicht ihren "Stoff" besorgt habe.

Ich weiss es nicht genau, aber ich habe das Gefühl, dass es meiner Entwicklung gut getan hat, dass ich Bier erst ab ca. 18 Jahren getrunken habe (wobei Kompensationseffekte nicht auszuschliessen sind - meine Leber weiss mehr dazu). Ausserdem bin ich ja bereits schon in eine Strafuntersuchung verwickelt.

Bevor wir das Thema ausdiskutieren können, müssen wir einem Reinigungsangestellten mit Putzgefährt Platz machen. Vor uns liegt in einer grossen Lache eine zerbrochene Wodka-Flasche. Schade um den Sprit!

Unweit von uns zieht eine Horde pubertierender Gören die Aufmerksam auf sich. Zuerst diskutieren sie mit jemandem, der auf der Promenade steht - danach fluchen sie lauthals empor und zeigen dem "chline Giu" den Arschfinger. Dass bei den Mädchen dabei gleichzeitig eine Glasflasche mit likörhaltigem Inhalt die Runde macht, brauche ich kaum zu erwähnen. Ich halte mich zurück, gackernde Geräusche von mir zu geben - in solchen Situationen überkommt mich immer die Lust, die Gören subtil zu demütigen.

Während Hebo sein Ciabatta Grande verspeist (und Teile davon auf dem frischgeputzten Boden landen), fällt mir plötzlich die elektronische Anzeigetafel am Promenadengeländer auf. Zuerst lese ich eine Reklame, auf der das Gesicht eines Mannes zu sehen, unter dem geschrieben steht: "Mein bester Freund ist alkoholkrank." Über den Treffpunkt bewegen sich Leute in allen Richtungen - und fast jeder hält eine Getränkeflasche oder Dose in den Händen.

Wieso man heute alkoholkrank und nicht mehr -süchtig ist, bleibt mir ein Rätsel. Ist unkontrollierter Alkoholexzess etwa vergleichbar mit einer Grippe und Schnupfen, der einen mindestens einmal pro Jahr befällt? Ich glaube definitiv nicht. Wider diesem Neusprech!

Als ich das nächste Mal auf die Anzeigetafel blicke, trifft mich erneut der Schlag - und ich muss schmunzeln: Es wird für das morgen Samstag erscheinende Magazin geworben (meine Leser wissen: Das Magazin ist die besseren Weltwoche!). Der Hauptartikel lautet:

Die Jungen von nebenan

Jugendliche Sexualtäter sind die Bösewichte der heutigen Zeit. Doch immer schon gab es mehr von ihnen, als man wissen wollte. Wer sind sie, was richten sie an? Besuch bei Tätern und Opfern.

Quelle: Die Jungen von nebenan

Fast unreal die Szenerie: Im Vordergrund die tobende Meute allmählich besoffen werdender Jugendlicher, im Hintergrund die regelmässig aufleuchtenden mahnenden Worte, die wohl kaum absichtlich zu dieser Zeit an diesem Ort gezeigt werden.

Wir sind uns einig, dass solche Anzeigen auf Tafeln nichts bringen - "kann die heutige Jugend noch lesen? Ich glaube nicht ..." murmeln wir uns gegenseitig zu - und verlassen die "Schaubühne" Richtung Front, wo wir uns ein paar Bierchen genehmigen werden.

Brave, new world!

Irgendwie beschleicht mich an solchen Orten immer ein wenig das Gefühl der drohenden Apokalypse. Hoffen wir, dass ich mich irre. Andererseits: Immer mehr Schweizer suchen psychiatrische Hilfe

Utopie

Soll im Bahnhof auch nach 21 Uhr weiterhin Alkohol verkauft werden? Ja. Weil wir das Problem sonst nur einfach nur weiter in den Vorabend verschieben würden: Dann kaufen die Boys & Girls ihren "Stoff" halt einfach nach Feierabend. Und wie meine Leser wissen: Wenn selbst minderjährige Mädchen keine Skrupel haben, den 27-Jährigen als Einkäufer einzuspannen, werden sie wohl auch sonst Wege finden, die Alterskontrolle zu umgehen.

Wenn schon etwas gemacht werden soll, dann à la dem skandinavischem Modell: Alkohol wird mit enorm hohen Taxen belegt und kann nur in ausgewählten Shops gegen Vorweisung einer Identitätskarte gekauft werden. Noch orwellianischer: Auf der Karte wird gespeichert, wieviel Gesöff man im Monat/Jahr bereits gekauft hat. Wer die staatlich festgesetzte Limiten überschreit, bezahlt höhere Krankenkassenprämien, wird automatisch in eine Entzugsklinik eingewiesen und muss mit einem Kleber am Auto herumfahren, die vor potentiell besoffenen Fahrern warnt.

Spass beiseite: Schlussendlich muss man sich eingestehen, dass Alkohol nicht die Ursache, sonder nur ein Symptom des Problems ist, das einige Politiker mit dem 21-Uhr-Alkoholverkaufsverbot lösen möchten.

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Blogger Bense um 08.08.2007 23:10:00 Uhr

Es gab dazu Modellversuche in Hamburg, Köln und auch in Wien. Es hat alles nicht zum erwünschten Erfolg geführt. Wie vermutet: Blinder Aktionismus. Es wurde als Gängelung der mündigen Bürger zurecht wieder abgeschafft - ohne Zutun der Alk-Lobby. Es funzt suboptimal.

Der Alkoholiker besorgt sich aufgrund der Nachschublage seinen Stoff ja meist auch gern billig. Ist ja ein Kostenfaktor. Nie sieht man soviele Alkoholiker wie in den letzten 30 Minuten vor Ladenschluss jeden Tag. Egal wann dieser Ladenschluss ist. Außer halt bei Tanken, die rund um die Uhr geöffnet sind, oder bei ahnungslosen Chinesen, die das Ladenschlussgesetz nie zu Gesicht bekamen. Ahnungslose Asiaten sind übrigens für 3 bis 6 Monate ein Segen und Geheimtipp, da man dort rund um die Uhr einkaufen kann, bis ihnen das Gewerbeaufsichtsamt den Laden dicht macht, weil sie das mit den Öffnungszeiten nie so richtig verinnerlicht hatten.

Ein interessantes Modell wäre: 100% Steuern auf alkoholische Getränke, außer 2-3 lokale Biere und Weine, was in Kneipen ausgeschenkt wird. Die pseudointernationalen Grützwürste mit ihrem Cerveza Dorada, Michelob, Stella Artois, Heineken und Desperados-Pampen wären gezwungen, anständige einheimische Produkte anzubieten, allein um die Kosten im Gleichgewicht zu halten (Und man tut was für die lokalen Arbeitsplätze, das Klima, die Umwelt und den eigenen Geldbeutel). Klar ist das eine Bevormundung des Verbauchers. Aber, ey: Wenn ein Deutscher auf so eine Idee kommt, dann muss was nicht stimmen und die Bedenkenträger stehen Schlange. Der Franzos trägt ein fades Weißbrot, der Schweizer halbfaulen Appenzeller und der Deutsche Bedenken durch die Gegend. Die Nörgelkultur hat uns zu absoluten Meistern darin gemacht.

Aber hier kommt der Clou: Jeder, der dann sein "Pivo á la International" süppeln möchte, latzt die 100% Aufschlagssteuer. Er kann sich diese aber bei Vorlage der Quittung bei der zuständigen Stadtbehörde komplett zurückzahlen lassen. Auszahlung an Minderjährige ausgeschlossen. In Laufgeschäften kann nicht kontrolliert werden, und kaum ein Jugendlicher wird diese Preise zahlen. In Restaurants und anständigen Kneipen, wo kontrolliert werden kann, hat dies keine Auswirkungen, da kann auf den Aufschlag siehe obigster Ausführungen verzichtet werden. Es ist zwar mehr Bürokratie, aber: Wir haben Zeit, wird haben Geduld, wir sitzen es aus.

Ich selber habe bis zu meinem 16. Geburtstag nie Bier angerührt. Während des Wehrdienstes war ich strikter Antialkoholiker (Was auch mit meiner Verwendung als Schwerlast- und Gefahrgutfahrer zu tun hatte).

Aber um deiner Argumentation zu folgen: Das habe ich nun im Studium wieder zu einem gewissen Maße kompensiert.

Anonymous Anonym um 14.08.2007 08:20:00 Uhr

Händischer Trackback:

http://www.ordnungspolitik.ch/2007/08/13/gegen-das-rauschtrinken-von-jugendlichen-vorgehen/

Gruss, S.