Donnerstag, September 20, 2007

Ein einig Volk von Hypothenschuldnern

Nicht schlecht staunte ich, als ich heute die Schweiz endlich wieder einmal in einer Rangliste unangefochten auf Platz 1 sah:

Quelle: Housing burdens

Alle Hypothekenschulden dieses Landes zusammengefasst entsprechen deutlich mehr als 125% des Bruttosozialproduktes - auf weiter Flur kein Konkurrent. Da soll einer noch sagen, dass die Amis auf Pump leben (immerhin kaufen wir mit dem Geld nicht Billig-Schrott aus China, Panzer SUVs oder gesundheitsgefährdenden Fast-Food, sondern lebensnotwendigere Dinge wie z.B. ein Dach über dem Kopf).

Ex-Kommunisten

Ich vermute übrigens, dass es kein Zufall ist, dass die Tschechen und Ungaren das "Schlusslichtlein" bilden. Die Wurzeln dazu liegen wohl im Kommunismus.

It can also be said that the Soviet economy was run either very well or very badly. On the plus side, that system, for all its many failings, managed to eradicate the more extreme forms of poverty, malnutrition, many diseases, and illiteracy. It provided economic security of an extreme sort: everyone knew exactly how much they would earn, and the prices of everyday objects remained fixed. Housing, health care, education, and pensions were all guaranteed. Quality varied; education was generally excellent, housing much less so, and Soviet medicine was often called "the freest medicine in the world".

Quelle: Post-Soviet Lessons for a Post-American Century

Spannend ist hierbei das Gedankenspiel von Dmitry Orlov, was passieren würde, wenn die USA kollabierten ...

The United States remains a powder keg of ethnic tension, where urban blacks feel oppressed by suburban whites, who in turn fear to venture into the cities. In a time of permanent crisis, the urban blacks are likely to riot and loot the cities, because they don't own them, and the suburban whites are likely to get foreclosed out of their "little cabins in the woods", as James Kunstler charmingly calls them, and decamp to a nearby trailer park. Add to this already volatile mixture the fact that firearms are widely available, and the fact that violence permeates American society.

... und hier, was in den 1990ern beim Kollabieren der Sowjetunion passierte (der ganze Text ist äusserst lesenswert!):

Another key difference: in the Soviet Union, nobody owned their place of residence. What this meant is that the economy could collapse without causing homelessness: just about everyone went on living in the same place as before. There were no evictions or foreclosures. Everyone stayed put, and this prevented society from disintegrating.

Sollte unserer Wirtschaft also irgendwann einmal etwas zustossen, könnte es auf Grund der Besitzverhältnisse (den Banken gehören - wenn ich diese Grafik richtig verstehe - einiges an Wohnraum in der Schweiz) bitter werden. In solchen Fällen würde ich den Kapitalismus gerne mit dem Kommunismus tauschen (wenn es mit der Wirtschaft rund läuft, ist jeder ein Kapitalist und möchte den Gewinn für sich alleine, wenn es mit der Wirtschaft bachab geht, möchte man die Verluste lieber sozial abfedern).

Ich frage mich hingegen, ob man bei einem Kollaps des Kapitalismus wirklich die Leute aus ihren Häusern jagen würde. Was nützte dies den Banken, wenn kaum neue Kauf-Interessenten vorhanden wären? Schliesslich würde kein Wohlhabender in eine mickrige 4.5 Zi-Wohnung ziehen, nur weil er diese für einen Schnäpchenpreis erwerben könnte ... Die Alternative? Die Banken beissen in den sauren Apfel, tun nichts (oder nicht viel) und hoffen, dass irgendwie weiter Geld zurückfliesst. Irgendwie auch nicht wirklich plausibel.

Anstelle solchen hypothetischen Schmarren weiterzudenken: Die liberale Marktwirtschaft muss weiterhin ein Erfolgsmodell bleiben. Auf Biegen und Brechen, immer weiter Aufwärts, langfristig einige Prozent mehr Wachstum pro Jahr.

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Blogger smiling catilina um 22.09.2007 17:14:00 Uhr

Auf die Gefahr hin, dass ich als jemand erscheine, der das Gefühl hat, zu allem etwas sagen zu müssen...

Ich finde den Beitrag so niedlich, so niedlich falsch, aber sooo sympathisch in der Argumenation und Ausführung, einfach irgendwie originell und sooo schön, dass ich dazu einfach etwas schreiben muss.

Erstens, die hohen Hauseigentumsquoten im ehemaligen Jugoslawien etc. hängen in der Tat mit dem Kommunismus zusammen. Einfach weil die Häuser das einzige Vehikel waren, wo man wirklich sich etwas ansparen konnte und ein gewisses Mass an Sicherheit finden konnte. Zweitens, dasselbe gilt für die russischen Datschen, ohne die im kommunistischen Land der Seligen niemand den Zusammenbruch des Systems überlebt hätte, ja niemand den Kommunismus überlebt hätte. Auf einem Bruchteil des Bodens wurde beinahe ein Drittel aller Nahrungsmittel produziert. Nicht die Sowjetunion, sondern ihre Bürger, ihr selbstverantwortliches Streben nach Sicherheit und Einkommen (viele haben die Überschussproduktion aus den Datschen auf den Märkten verkauft, als ich vor zwei Jahren in Petersburg war, überwältigte mich die Vielfalt und Effizienz dieser Märkte), also Marktwirtschaft hat das Überleben der Sowjetbürger sichergestellt. Überall auf der Welt wurden Fortschritte in der Produktivität der Landwirtschaft gemacht. Das Zarenreich exportierte Getreide vor dem Grossen Krieg, finanzierte so seine ersten kapitalistischen Schritte, hatte bis auf ein paar wenige Krisen immer genug, um seine rapide wachsende Bevölkerung zu ernähren (der Rest lässt sich wohl wie die irische Hungersnot durch einen Mangel an Demokratie erklären). Die Sowjetunion musste immer einführen. Ich kenne den zitierten Autor nicht. Dass die Sowjetunion ein gutes Bildungssystem und Gesundheitssystem hatte, das darüber kann man sich streiten, es gibt aber Argumente dafür. Nur, wie viele Medikamente wurden im kapitalistischen Westen erfunden? Interessant ist dabei nur, dass etwa im Bildungssystem Strenge, Disziplin und Noten herrschten. An Elternabenden wurden die Eltern von den Lehrern zusammengestaucht, vehement so, und nicht umgekehrt (und das stimmt wortwörtlich).

Die Erfolge der Sowjetwirtschaft sind beeindruckend, gerade wenn man die Industrialisierung betrachtet. Aber das hätte in einer sanfteren Form, etwa der neuen ökonomischen Politik (NEP), oder mit den Mitteln, welche eine von den Sozialrevolutionären und Menschewiki dominierten Nationalversammlung vorgeschlagen hätte. Viele Zahlen waren übertrieben. Denn, es gab einfach keine Preise, womit die Errungenschaften von Stalins Fünfjahresplänen hätten bewertet werden können. Preise signalisieren Knappheit, lenken die Ressourcen an die produktivsten Orte und helfen das Erreichte zu bewerten. Dies alles gab es in der Sowjetunion nicht. Die Preise waren administriert, vorgegeben, von Oben verordnet. Deshalb herrschte überall Mangel, an allem. Deshalb mussten die Fabrikdirektoren den Arbeitern erlauben, während der Arbeit Schlange zu stehen für Brot. We pretend to work and they pretend to pay us ist Ausdruck und Programm dieses Systems. Wie kann ich wissen, dass ich einen gerechten Lohn bekomme, wenn nirgends korrekte Preise sind, anhand deren ich die Höhe meines Lohns beurteilen kann. Aber die Zitate in deinem Blogbeitrag müssten eigentlich so behandelt werden, wie die Aussagen von Eva Hermann über die NS-Familienpolitik, so falsch und verharmlosend sind sie. Das Wort Preise im Zusammenhang mit der Sowjetunion ist ein fragwürdiger Begriff, ja ein Unwort in der Grösse von Reichskristallnacht. Der fehlende Preismechanismus, und die dabei einhergehende Unterdrückung eines ganzen Volkes erlauben für einmal diese krassen Worte. Als grosser Fan, Freund oder Bewunderer von Russland, seinen Menschen und seiner Geschichte, musste ich einfach die Zitate korrigieren. Ich hoffe, ich las da Ironie im Beitrag.

Zum Wohneigentum: No taxation without representation. Der Ausgangspunkt der modernen Demokratie! Schon nur deshalb werden die Vereinigten Staaten niemals kollabieren, weil zuviele Menschen zuviel verlieren könnten. Das war der grosse Fehler des Zaren. Zuviele Menschen konnten durch eine Revolution nur gewinnen. Bis ihn auch die Armee im Stich liess, weil auch die Patrioten unter den Generälen, wie beispielsweise Brussilow, nur noch gewinnen konnten. Dem Zar weinte niemand eine Träne nach, der Untergang der USA könnte aber den Meeresspiegel ansteigen lassen (schon nur deshalb darf sie nicht untergehen ;-)). Aber, ich kann es mir nicht verkneiffen, das wird wohl aus Europa nicht zu beobachten sein. Denn Europa wird wohl eher untergehen, jedenfalls so, wie es heute dasteht. Zudem, der Preismechanismus funktioniert in den USA. Würde die USA irgendwo zusammenbrechen, so dirigiert der Preismechanismus und die Anreize die er setzt kreative Menschen und Kapital an die entsprechenden Stellen. Daraus entsteht etwas Neues innerhalb des Systems: Selbstheilung. Dieser Mechanismus war in der Sowjetunion unmöglich. Das ist das einzige, was man aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion lernen kann.

Warum die Schweizer so viele Hypothekarschulden haben: Sie sind billig zu haben (Preismechanismus). Und ein Marketinggag der Banken lässt die Leute glauben, dass die Eigenmietwertsbesteuerung die Schuldaufnahme lohnend macht. Das ist conventional wisdom. Und der ist, wie fast immer, falsch.

So, das hat gut getan, jetzt muss ich mich aber fertig machen ;-)