Sonntag, Oktober 14, 2007
Ein einig Volk von Schmarotzern
Auch im fernen London weilend unterlasse ich die Lektüre der bessere Weltwoche nicht. Anstelle die Themen Wahlen, Krawalle, Linke, Rechte, Blocher, Jenni auf das Titelblatt zu heben, beleuchtet man lieber einen anderen, längerwährenden Aspekt des Alltags in der Schweiz:
Wir bewegen uns im legalen Bereich, und es macht doch keinen Sinn, dass meine Frau mehr arbeitet, nur um die horrenden Krankenkassenprämien zu bezahlen.
Quelle: WIR ABZOCKER
Das sagt nicht etwa ein Scheininvalider oder eingebürgerter Ausländer, sondern ein Mittelständler. Ist dagegen etwas einzuwenden? Überhaupt nicht, im Gegenteil: Unsere Nation sollte stolz sein, von Personen bevölkert zu sein, die - egal aus welcher Schicht sie stammen - den Grundsatz der Nutzenmaximierung verinnerlicht haben und täglich anwenden. Der homo oeconomicus helveticus in seiner vollen Pracht.
Jeder Verfechter der freien Marktwirtschaft und des Kapitalismus wird erleichtert in den Lesestuhl zurückfallen und leise zu sich sagen: Gottseidank sind wir mit einer solchen Bevölkerung der Zukunft gewappnet! Die Wirtschaftlichkeit steht und fällt mit jedem einzelnen Bürger - da kann passieren was wolle, als Nutzenmaximierer überstehen wir jeden wirtschaftlichen Wirbelsturm.
Übrigens: Trotzdem - oder gerade deswegen - bin ich der Meinung, dass die Steuererklärung auf einem Bierdeckeli Platz finden sollte. Schlupflöcher jeder Art bringen den Wohlhabenden nämlich in jedem Fall mehr als uns armen Schluckern da draussen ...
Von den schwächsten Nutzenmaximierern
Dient die Oberschicht der Mittelschicht als negatives Vorbild, so funktioniert die Unterschicht als Sündenbock und Projektionsfläche für eigene Verfehlungen. Die so erfolgreiche rechtsnationale Wahlkampagne gegen den «Sozialmissbrauch» in der Unterschicht, wozu als Beispiele fast ausnahmslos Fälle von Migranten herangezogen wurden, hat in der Bevölkerung eine Empörung ausgelöst, die angesichts der eher geringfügigen Betrugssummen rational schwer zu erklären ist. Was ist passiert? Sozialhilfeempfänger nutzen Anreize aus, die ihnen das System bietet. Das ist unmoralisch – aber es gehorcht derselben Logik, nach der jeder Steuerberater seine Kunden berät.
Der Bürger der Schweiz aber ist «ethisch intrapersonal gespalten», wie Ulrich Thielemann sagt: «Er kauft mittags im grossen Stil Fairtrade-Produkte und versucht abends einen kleinen Versicherungsbetrug.»
Labels: Schweiz, Wirtschaft
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Der Grund der heutigen Komplexität im Steuersystem lässt sich auf den Wunsch zurückführen, den Einzelnen gerecht zu besteuern - Einzelgerechtigkeit als Ziel also, mit dem daraus resultierenden Paragraphenfetisch. Zudem führt die Komplexität dazu das nur jene Optimierungspotentiale ausschöpfen können, welche sich die Expertise durch Steueroptimierer leisten können.
Im brand eins gab's dazu vor längerer Zeit einen interessanten Artikel zum System Deutschland...
Ich bin auch für die Steuererklärung auf dem Bierdeckel. Allerdings warte ich immer noch auf denjenigen, der mir ein gerechtes, genügend Steuerreinnahmen generierendes System zeigt, welches auf Steuererklärungen auf dem Bierdeckeln beruht.
Generell würde ich aber mehr Gerechtigkeit mit einer Steuererklärung auf Bierdeckelgrösse sehr bezweifeln: denn weniger Reglement, Gesetz, Administration mag schön sein, erhöht aber die Schlupflöcher und den Interpretationsspielraum. Und wer diese Schlupflöcher nützen kann, ist sicher nicht der Angestellte mit dem monatlichen Einkommen auf seinem Raiffeisen-Konto, sondern derjenigen, dessen Einkommen sich aus etwas komplexeren Quellen zusammensetzt...ausserdem lässt sich heute über Begriffe wie "Einkommen" oder "Vermögen" problemlos eine Doktorarbeit schreiben. Das zeigt, dass Einkommen, Umsatz, etc. sehr vielfältig sein kann, und dessen Erfassung all diese Variationen abdecken muss...
denn weniger Reglement, Gesetz, Administration mag schön sein, erhöht aber die Schlupflöcher und den Interpretationsspielraum.
Ich vertraue immer noch auf das KISS-Prinzip (Keep It Simple, Stupid). Das bedeutet in diesem Falle: Einkommen und Vermögen wird bedingungslos besteuert.
So schwierig kann die Festlegung dieser beiden Begriffe ja nun wirklich nicht sein?!
Von mir aus kann man im Notfall gar soweit gehen, die 80% Angestellten (ich ziehe einfach mal Pareto heran ohne Kenntnis der aktuellen Zahlen) mit dem Bierdeckeli zu besteuern, die grossen Fische von der Steuerverwaltung aber genauer unter die Lupe nehmen zu lassen.
@anonym: Danke für den Hinweis.
Bei brandeins habe ich vorerst folgenden spannenden Artikel gefunden:
Der trockene Pelz
Der Inhalt dreht sich eher um das Bankkundengeheimnis, ist aber dennoch interessant - weil es den Weg für ein neues, besseres (?) Steuersystem aufzeigt.
So, jetzt habe ich es glaub' gefunden:
Einzelfallgerechtigkeit war das Ziel – von der der Fiskus heute weiter entfernt ist denn je. Der Steuer-Dschungel lädt ein zum Missbrauch. Die Kenner und Reichen nutzen mit Hilfe ihrer Berater die zahllosen Schlupflöcher.
Nicht lenken - denken