Dienstag, Oktober 09, 2007

Freihandel bis zum Verhungern?

Das feine Ciabatta-Brot im Moskauer Supermarkt kostete bisher um die 30 Rubel (1,42 Franken). Doch eines Morgens stand plötzlich eine andere Zahl auf dem Preisschild: 41 Rubel. Der Konsument stöhnt, und mit ihm das ganze Land. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind in Russland richtiggehend explodiert. Laut offiziellen Angaben kosten Brot, Milch und andere Kalorienlieferanten 17 Prozent mehr als noch Anfang Jahr. [...]

Der Export von Weizen wird laut Medienberichten mit einer Steuer von zehn Prozent belegt. Dies, so die Hoffnung, hemmt die Ausfuhr und behält mehr Weizen im Land. Zugleich soll die Importsteuer auf Speiseöl, Käse und Milch gesenkt werden.

Quelle: Preisschock für Russlands Konsumenten

Verfechtern der (globalisierten) Marktwirtschaft werden die Haare zu Berge stehen: Das Böse ist in Form von prohibitiven Zöllen zurück!

Ich frage meine oftmals deutlich liberaleren Leser: Darf man seine Bevölkerung vor dem Verhungern schützen, auch wenn dabei liberale Prinzipien über den Haufen geworfen werden? Oder sind Zölle selbst ein Instrument der Ordnungspolitik, halt einfach auf einen liberalen Binnenmarkt bezogen? Gibt es demzufolge Globalisierende und Binnen-Liberale?

Kehrt ein totgeglaubter Geist zurück?

A propos:

Die Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma ist umso schwieriger, als dass die Schuldigen offenbar noch gar nicht feststehen. Die Wirtschaftsministerin gab sich sachlich: Ursache für den Preisanstieg sei die Teuerung an den Weltmärkten, hervorgerufen durch die verstärkte Nachfrage in China und Indien.

Wem der Name Malthus nichts sagt, mache sich in Wikipedia schlau darüber. Treffen seine Prophezeiungen mit über zweihundert Jährchen Verzögerung doch noch ein?

Ich befürchte fast, dass Kohle und Öl seither als Puffer dienten und uns vor dem Schlimmsten bewahrten - doch was, wenn die Energiequellen deutlich teurer werden, um schliesslich ganz zu verschwinden?

Nachtrag

"Die Welt verliert allmählich das Polster, das bisher vor großen Marktschwankungen geschützt hat", warnt Abdolreza Abbassian, Experte für Getreidehandel bei der Welternährungsorganisation FAO. "Es entsteht ein Gefühl von Panik."

Nutznießer des Trends sind Produzenten und Händler führender Exportnationen wie die USA, Australien oder Kanada, aber auch Argentinien und Namibia. Doch auch deren Verbraucher ächzen unter der Last inflationärer Preise - was wiederum teils drastische Exportbeschränkungen für Getreide provoziert. Die Politik will den heimischen Markt gut versorgt halten.

Um den weltweiten Bedarf zu decken, muss nach Schätzungen der Weltbank bis 2030 der Getreideanbau um fast 50 Prozent und die Fleischproduktion um 85 Prozent gesteigert werden.

Quelle: Politischer Kampf um Lebensmittel

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9 Kommentare | neuen Kommentar verfassen

Kommentare

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Anonymous Anonym um 09.10.2007 21:59:00 Uhr

Zu deiner Bemerkung bezüglich Malthus und dessen Bevölkerungstheorie sei dir u.a. folgendes Buch empfohlen: Knowledge and the Wealth of Nations. Dass darin "Land, Labour and Capital" durch "People, Ideas and Things" ersetzt werden dürfte dir auch nicht ganz entgegenstreben - interessantes Buch, aber ein hard read...

PS. Dieses Mal hoffentlich ohne linguistische Entgleisungen

Blogger eMeidi um 09.10.2007 23:40:00 Uhr

Sorry, wenn ich dich mit deinen angeblichen "linguistischen Entgleisungen" derart traumatisiert habe, das war nicht die Absicht ;-)

Danke für den Buch-Tipp. Ich suche noch eine Rezension und werde es mir auf Grund dieser vielleicht anschaffen.

Nur eine Frage sei bereits jetzt erlaubt: Mir ist noch nicht ganz klar, wie ich dank "Ideen" mit vollem Magen ins Bett gehe (?).

Denn wenn Malthus doch noch verspätet Recht erhalten sollte, wird es zuviele Menschen und zu wenig Nahrung geben ...

Blogger blogging remy um 10.10.2007 00:12:00 Uhr

Man kann sich über die Definition von Liberalismus streiten, aber für mich gibt's (jedenfalls ökonomisch gesehen)keinen "Binnen-Liberalismus"; das ist für mich ein Widerspruch in sich.

Aber auch falls die Erde an der Schweizer Grenze enden würde, wäre ich kein Liberaler.

Blogger eMeidi um 10.10.2007 00:21:00 Uhr

Rezensionen:

New York Times
The Wall Street Journal

Anonymous Anonym um 10.10.2007 08:43:00 Uhr

Ja, der Malthus. Engels sagte mal über ihn: "...the crudest, most barbarous theory that ever existed, a system of despair which struck down all those beautiful phrases about love thy neighbour and world citizenship."

Wenn sogar Kollege Engels sowas sagt...

Blogger smiling catilina um 10.10.2007 11:02:00 Uhr

Irgendwer hungert wohl noch immer, weil die Empfängerländer nun weniger Lieferungen erhalten und bei ihnen wohl der Getreidepreis steigen wird.

Zudem, in Russland selbst wird der Anreiz, in die landwirtschaftliche Produktion zu investieren, geringer, d.h. im Hinblick auf Malthus erweist uns Russland einen Bärendienst. Die Produktion wird zwar nicht fallen in Russland, denn die erhöhten Preise bieten genug Anreiz, das Niveau der Produktion wohl zu halten. Jedoch könnte sie um einiges mehr steigen, ohne die Staatsintervention.

Also alles in allem, mehr Kosten als Nutzen, der liberale Ansatz ist nicht im geringsten gefährdet, zumal in einer gesunden Volkswirtschaft das System gewisse Preiserhöhungen verkraften müsste. Hinzu kommt, dass die Ressourcenverknappung und all ihre schlimmen Folgen schon seit Jahrhunderten befürchtet wird, man schaue nur Jevons über Kohle im 19. Jh.. Ich vertraue auf den menschlichen Erfindungsgeist, dass da irgendwelche Lösungen gefunden werden. Dies wird wahrscheinlicher, wenn wir "liberal" bleiben...

Vielleicht stürzt der hohe Brotpreis das System Putin, auch der Zar musste ja schon deswegen gehen. So würde die Unsichtbare Hand auch den Diktator stürzen ;-)

@ anonym 1: Man kann nur konsumieren, was man produziert, das stimmt schon, da hat emeidi Recht.

Blogger eMeidi um 10.10.2007 19:18:00 Uhr

Irgendwer hungert wohl noch immer, weil die Empfängerländer nun weniger Lieferungen erhalten und bei ihnen wohl der Getreidepreis steigen wird.

Durchaus - oder aber das Getreide wird zu Ethanol verarbeitet.

Es stellt sich nun also die Frage, was nun besser ist:

a) Die eigene Bevölkerung hungern zu lassen
b) Die Bevölkerung der Bezügerländer hungern zu lassen
c) Die Benzintanks der Bezügerländer hungern zu lassen

Sehe ich richtig, dass aus Sicht des liberalen Denkers diejenigen "bestraft" werden, die es verdient haben? (Sozusagen Sozialdarwinismus pur ...)

Und: Gemäss der liberalen Lehre sollte die Situation nun schlimmer werden (für wen aber genau?), weil sich der Staat eingeschaltet hat (?)

Ich vertraue auf den menschlichen Erfindungsgeist, dass da irgendwelche Lösungen gefunden werden. Dies wird wahrscheinlicher, wenn wir "liberal" bleiben...

Hoffen wir es!

Blogger eMeidi um 10.10.2007 19:21:00 Uhr

Wenn sogar Kollege Engels sowas sagt...

Irgendwie komisch, wenn Liberale (?) auf Engels zur Untermauerung ihrer Argumentation herbeiziehen *smile*

Blogger smiling catilina um 11.10.2007 09:23:00 Uhr

Darwinismus in Bezug auf die politischen Systeme, d.h. Kapitalismus frisst sie alle, yep! Das System Putin hat es nicht geschafft, durch eine geeignete Politik die heimische Wirtschaft zu stärken, eine breitere Mittelschicht entstehen zu lassen und Investitionen zu fördern. Was müsste er tun: Rechtssicherheit und Bürokratieabbau (oder Zerschlagung). Also "liberale" Reformen. Dann kann man längerfristig auch mehr Eigenverantwortung fordern. Wenn mehr gehandelt wird, dann kann mehr verdient werden. Nahrungsmittelexporte machen Russland reicher. Übrigens sind die Russen ja Meister der Überlebenskunst, 70 Jahre Sozialismus haben ihnen gelehrt, dass man sich nicht auf irgendetwas verlassen kann, speziell nicht auf den Staat.

Sozialdarwinismus, njet!!! Wenn Putin etwas tun soll, dann nicht Exportzölle erhöhen. Diese Zölle verringern den Anreiz, bestehende Produktionsstrukturen effizienter zu machen oder noch brach liegende Flächen zu nutzen. Damit wird der längerfristige Anstieg der Produktion verhindert. Russland würde somit verhindern, dass die weltweite Gesamtnahrungsmittelproduktion wächst. Verlierer sind: Bestehenden Produzenten, potentielle Produzenten, Abnehmer/Konsumenten im Ausland, inländische Konsumenten, vor allem sollte Russland wieder wachsen etc. Was Putin kurzfristig aber tun kann ist, dass er mit einer geeigneten Fürsorge sicherstellt, dass seine Landsleute nicht hungern.

Summa summarum: Wohl muss der Staat intervenieren, aber nicht so unverhältnismässig.