Mittwoch, Oktober 31, 2007
Kreatonisten an der Uni
[...] Ich selber bin Akademikerin und muss ehrlich sagen, dass es doch enorm viel Glaube braucht, um zu denken, dass die Erde aus Schleim und Zeit (Evolutionsprinzip) entstanden sei. Dass die Erde bzw. das ganze Unversium vom allmächtigen, dreieinigen Gott der Bibel geschaffen wurde, ist da viel einfacher zu glauben. Ich wünsche auch dir, dass du vom heiligen Geist erfüllt wirst und dann über die wirklichen Lügen in dieser Welt schreiben wirst!
Quelle: Kommentar auf den Artikel Phiten Halsketten: Schabernack
Als Einstiegslektüre empfehle ich Hoimar von Dietfurts Im Anfang war der Wasserstoff. Ihm gelingt es auf verständliche Weise, den Menschen als vermeintliche "Krone der Schöpfung" aus dem Mittelpunkt unseres Denkens zu stossen.
Die Natur ist eben gerade nicht einem Masterplan gefolgt, an dessen Ende der komplexe Organismus Mensch stand. Die bittere und schmerzhaft zu akzeptierende Wahrheit ist: Wir waren ein Zufallsprodukt! Genau so gut hätte es etwas völlig anderes geben können. Und gibt es wohl auch - anderswo.
Die Annahme, dass wir das zwingende, unvermeidliche Resultat einer zielgerichteten Evolution sein müssen, ist typisch für Gedankengänge von Kreationisten. Verfechter der Evolutionstheorie (wie akkurat Darwins Theorie auch sein mag sei dahingestellt) hingegen legen eher Wert darauf, dass die Natur in der langen Geschichte des Universums und unseres Planeten unzählige Irrläufer produziert hat, aus denen ein Bruchteil zufällig "bessere" Versionen von Organismen den Faden des Lebens weitergesponnen haben. Der Rest hat sich als nicht lebensfähig erwiesen und ist deshalb ausgestorben.
Der einzig wahre Gott
Als nächstes möchte ich festhalten, dass jeder Mensch glauben kann, was er will - solange er gegen keine geltenden Gesetze des Staates verstösst, seine "heilige" Schrift über alles andere stellt und mit ihr völlig abstruse Handlungen zu rechtfertigen versucht.
Wenn die Akademikerin (wohl eine Studierte der Theologie, nicht der Naturwissenschaften) hingegen schreibt ...
Dass die Erde bzw. das ganze Unversium vom allmächtigen, dreieinigen Gott der Bibel geschaffen wurde, ist da viel einfacher zu glauben.
... sträuben sich mir endgültig die Haare. Hätte sie die Referenz auf den christlichen Gott weggelassen, hätte ich mich zurückgehalten.
Doch die Annahme, dass wir und unsere Welt nicht nur von einer übernatürlichen Kraft, sondern noch von der in der christlichen Bibel beschriebenen dreifaltigen Gottheit geschaffen wurde, ist mir höchst suspekt. Dass eine bestimmte Gruppierung in Anspruch nimmt, ihn nicht nur genau zu kennen, sondern auch noch behauptet, "ihr" (Bild von) Gott sei der einzig Wahre, müsste ihn doch zur Weissglut treiben ...
Wenn es einen Gott gäbe, dann ist er Gott jedes seiner Geschöpfe, ob schwarz oder weiss, jung oder alt, Frau oder Mann, Mörder oder Erzeuger von Leben. Gott aus der Sicht von Christen (und ausschliesslich für Christen) darzustellen, wäre doch Gotteslästerung - denn dem Menschen geziemt es nicht, sich ein Bild von Gott zu machen (sagt ... sic! die Bibel). Man sollte es tunlichst vermeiden, sich unter Gott irgendeinen Samichlaus mit weissem Bart vorzustellen. Gott ist, und er ist in allen und jedem, hat keine feste Form. Niemand hat Gott für sich gepachtet - so er denn existiert.
Die Bibel und der Historiker
Ich als Historiker betrachte die "heilige Schrift", also das Alte und Neue Testament, als Quelle wie jede andere auch. Immer im Hinterkopf, dass daran dutzende Personen über Jahrhunderte hinweg mitgeschrieben haben; die Texte unzählige Male abgeschrieben wurden und in der Übersetzung aus dem Hebräischen und Griechischen der schonungslosen Interpretation des Übersetzers ausgeliefert waren.
Wer solche Jahrtausende alte Schriftstücke blindlings wortgetreu auslegt, muss sich auf einige kritische Fragen gewappnet machen. Wären Christen konsequent, würden sei auch ägyptische Hyroglyphen oder griechische und römische Texte als Wort Gottes erachten und anbeten. Oder wieso soll die Bibel "heiliger" sein als andere Texte? Weil jemand sagt, dass das jemand gesagt hat, der es von jemanden zugetragen erhalten hat, der wiederum von jemanden versichert erhalten hat ...
Sinn und Zweck der Bibel
In einer kürzlich stattgefunden Diskussion mit meinem Vater habe ich klar gemacht, dass die heilige Schrift der Christen (und aller anderen Religionen) für mich höchstens als moralisch-ethische Lebenshilfe akzeptiert werden könnte und die Kirchen nur gerade die Aufgabe des Sonntags-Psychologen und Trau- und Abdankungsaltars übernehmen sollten. Weltliche Dinge. Niemals aber sollte mir jemand die Bibel - und somit Gottes angeblich gesprochenes Wort - näher bringen wollen.
Die Bibel wurde zu Zeiten einer Agrargesellschaft im Nahen Osten verfasst und spiegelt die damalige Lebensweise wider. Viele konkrete Dinge in der Bibel sind spezifisch auf diese längst vergangene Epoche gemünzt und können, nein dürfen, in der heutigen Zeit nicht mehr angewendet werden.
Nehmen wir das Verbot des Konsums von Schweinefleisch (im Koran - aus der Bibel fällt mir gerade nichts auffälliges ein): Hätte "Gott" die heutigen Hygiene-Standards gekannt, hätte er sich niemals zu einer solchen für immer-und-ewig geltenden Aussagen durchgerungen.
Die Vermutung liegt bei solchen Regeln aber sowieso nahe, dass es nicht "Gott" war, der zu seinen Schäfchen gesprochen hat, sondern ein selbsternannter (menschlicher) Anführer, dem schlicht und einfach die Gesundheit seiner Gefolgsleute am Herzen lag. Denn Führer zu sein ohne Geführte macht nicht wirklich Spass ...
Labels: Gesellschaft, Leben, Religion, Wissenschaft
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Kommentare
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Amen! Ein wirklich gelungener Blog. Wie es scheint haben wir eine ähnliche Ansicht, was die ewige Religionsdiskussion angeht.
In der Tat in etwa deckungsgleich mit mir, auch wenn man noch ein bisschen kritischer hätte schreiben dürfen.
Aber zum Thema (Schweine-)fleisch noch folgendes: Steht in der Bibel nicht das Gebot "Du sollst nicht töten"? Für mich als Vegetarier ist es schlicht nicht nachvollziehbar, warum dies nur auf Menschen (die biologisch auch zu den Tieren gehören) aber nicht auf Tiere angewendet werden sollte. Mord bleibt Mord.
Zu guter letzt noch ein schönes Zitat, das doch recht deutlich ist:
«Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.»
Genesis 1,29
Guter Artikel.
Der Blogpost ist eher dürftig und eher für Zeitgeistgläubige (auch das ist eine trendige Religion) interessant. Denn auch die Bibel verbietet den Verzehr von Schweinefleisch grundsätzlich (siehe Buch Levitikus und was Gott bestimmt gilt für jeden, da vor Gott jeder gleich ist, ansonsten wäre das ja unsinnig) und hat nichts mit Hygienezustände zu tun.
Das sind immer gute Beispiele, wo sich angebliche "Historiker" als unwissende bezüglich der Bibel outen und solche wollen dann über den Wahrheitsgehalt der Bibel urteilen können... ;-)
Wie sagte ein Schweizer Politiker: Mir wurde flau im Magen, weil alle gleich dachten und niemand dem anderen widersprach. Damit das hier nicht geschieht, bringe ich genuine Uneinigkeit hinein.
Ich wäre vorsichtiger mit dem was du schreibst, insbesondere deshalb, weil du den Begriff Kreationismus wohl ein wenig weit gefasst hast (was nicht bedeutet, dass du es nicht schreiben sollst, es war interessant). Deine Beschreibung der Dinge ist weder säkular zwingend noch notwendig (in der ursprünglichen Bedeutung). Sie ist einfach eine unter vielen, welche in einer pluralistischen Gesellschaft akzeptiert werden muss und wohl das Gesamtbild der Postmoderne ausmacht. Keinesfalls will ich dich bekehren. Mich nervt einfach zunehmend die Arroganz, welche von den Herren Dawkins und Watson in ihren Büchern und Aussagen einem über Religion entgegenschlägt, ein Hauch war in deinem Beitrag auch zu spüren. (Übrigens: Christen würden Watson widersprechen, was die Rangfolge der Rassen angeht, weshalb die Lektüre von Grass zum Bild von Goya wirklich nützlich sein kann).
Kennst du das Bild, die Karikatur von Goya, die schlafende Vernunft? Wenn ja, auch den Kommentar von Grass dazu? Da verblasst die Religionskritik wohl ein wenig. Dostojewski ist auch eine gute Lektüre. Dann wird es mehr als das Wort zum Sonntag. Als Historiker weisst du auch, was die Trennung von Schöpfung und Schöpfergott in der christlichen Agrargesellschaft ausgelöst hat.
Ich nerve mich auch oft wegen christlichen Einwänden gegen Gentechnologie oder Fortpflanzungsmedizin. Aber der Zufall ist aber wirklich gross, verdammt gross, dass wir da sind. Es gibt zwei Schlüsse daraus zu ziehen. Entweder: Man akzeptiert den Zufall als solchen und versucht ihn zu begreifen. Wer das tut, wird wohl ehrfürchtig und andächtig die Bedeutungslosigkeit seines eigenen Seins erkennen und entsprechend ein wenig demütiger durchs Leben gehen. Falls er das macht, dann braucht er wirklich keine Religion. Eine Feststellung der griechischen Aufklärung...
Oder: Es gibt zahlreiche Physiker, welche wegen der Grösse des Zufalls die Bibel ein wenig genauer betrachtet haben...
Übrigens, du hast ja den Artikel zum Liberalismus aus dem Magazin diskutiert. Ist der Mensch wirklich so frei, wie der Autor des Artikels es beschrieben hat? Oder ist er nicht vielmehr Knecht durch eine neue Form der Unmündigkeit. Es gibt Leute, die sagen ja, denn: Der Gott der Kirche wurde durch den Sozialstaat ersetzt. So wie die Menschen über die AHV reden könnte man tatsächlich meinen, es handle sich um die Jungfrau Maria samt unbefleckter Empfängnis, jedenfalls in der Form des Dogmas. Zudem, denke ich auch, dass die "moderne" westliche Gesellschaft nicht so gottlos ist, wie sie selbst von sich behauptet. Und sie wird es immer weniger, weil die Gläubigen einfach die Kinder haben (suche im Netz nach "Breeding for God")...