Donnerstag, 4. Mai 2006

Geschichtslektion mit Schlüer

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Ulrich Schlüer mit Hellebarde I
Originally uploaded by emeidi.

Heute lancierte 10vor10 die Debatte über die Millionen von Dienstwaffen in Schweizer Haushaltungen, die nur darauf warten, von Amok-Laufenden Übeltäter missbraucht zu werden. Die Forderung: Dienstwaffen gehören nicht unters Ehebett, sondern ins Zeughaus!

Auf Seite der Befürworter wurde Paul Günther, Nationalrat (SP/BE) und Mitglied der Sicherheitskommission, gezeigt. Erstaunt hat mich seine Aussage, dass wir anscheinend das einzige Land der Welt sind, das seinen AdAs ein Stgw (man könnte meinen, ich hätte Militärdienst geleistet, s.u.) mitsamt 50 Schuss Munition oder eine 9mm-Knarre mit nach Hause gibt. Sogar in Israel gäben die Soldaten die Waffe bei der Rückkehr ins Zivilleben wieder ab.

Als Gegner tauchte der von mir allseits geschätzte Historiker-Kollege Schlüer von der SVP auf und vermittelte uns als Koryphäe seines Faches eine kleine Geschichtslektion:

Exportschlager

Die Schweizer sei seit jeher als wehrhaftes Volk überall in Europa bekannt und gefürchtet gewesen. Dazu gehöre dann eben auch, dass man die Waffe mit ins Haus nahm und an den Nagel „hängte“. Ich stelle mir förmlich vor, wie der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Grossvater von Klein-Ueli mit blutverschmierten Kleidern nach Hause kam und als erstes seine Hellebarde in der Stube an die Wand hängte. Dieses Erinnerungsstück scheint von Generation zu Generation weitervererbt worden zu sein zwecks hehrem Andenken an die schlagfertigen Vorfahren. Fragt sich nur, ob die Waffe im Haus eines wahrhaften Eidgenossen oder die Tötung von Familienmitglieder damit die grössere Tradition hat …

In der Kriegskunst versierte Vorfahren – das stimmt durchaus: Neben der – anfänglich harzenden – zur Verfügungstellung als päpstlichen Leibgarde wurden unsere waffenkundigen Landsleute beispielsweise auch beim Sturm auf die Bastille tragisch dahingemetzelt.

Leider hatte das Söldnertum ab und zu die fatale Konsequenz, dass sich Schweizer und Schweizer gegenüberstanden. Schon früh zeigte sich hier unser alle Bedenken überflügelnde Profitgier. Es war ja irgendwie von Vorteil, wenn der Batzen unter weniger Personen geteilt werden musste, wenn die Hälfte auf dem Schlachtfeld zurückblieb …

Komparative Historiographie

Der Geschichts-Leist Schlüer verliess sodann die Gefielde der Historiographie versuchte, die Zuschauerschaft mit einem einfachen Vergleich für seine Sache zu gewinnen:

Nur weil es vereinzelt Autofahrer gäbe, die ihr Fahrzeug missbrauchten, käme man ja auch nicht auf die Idee, das Auto zu verbieten. Richtig, Ueli, aber ich möchte dennoch in Erinnerung rufen, dass der primäre Zweck eines Fahrzeugs doch der ist, Personen von A nach B zu befördern. Der Zweck einer Waffe ist zwar recht ähnlich, aber irgendwie halt doch etwas verschieden: Auch dieses „Werkzeug“ dient dem Transport von Personen – in die ewigen Jagdgründe. Klar soll es Naturen geben, die mit der Dienstwaffe Nägel einschlagen oder in der Adventszeit Kerzli in den Lauf stecken. Eine Waffe ist aber leider Gottes einfach dazu konzipiert, andere Leute umzulegen, was ich einem Autofahrzeug doch aberkennen möchte.

Meine Meinung

Von mir aus kann man die Waffen morgen gleich einsammeln kommen. Und wer sich dann vor Einbrechern nicht mehr sicher fühlt, sollte den Polizeibehörden endlich die seit langem geforderte Aufstockung der personellen und finanziellen Mitteln verschaffen. Damit nicht die verzweifelt nach Aufgaben suchende Armee wieder einspringen muss. Schliesslich sind Polizisten regelmässig an der Waffe geschult – ein Obligatorisches pro Jahr reicht für den sorgsamen Umgang damit leider nun wirklich nicht.

Dennoch: Angesichts des Bedrohungspotentials ist es doch erstaunlich, dass bisher noch nicht viel mehr passiert ist. Man stelle sich vor, jeder Amerikaner kriegte dieses „Survival-Kit“ mit nach Hause. Da wäre innert Jahresfrist nichts mehr von der einzig noch überbleibenden Supermacht übrig …

Kleingedrucktes

Disclaimer: Dieser Artikel wurde in einem Haushalt geschrieben, in dem keine Schusswaffen und Munition lagern. Mein Vater hat das Gewehr immer freiwillig im Zeughaus abgegeben, während ich und mein Bruder gar nicht erst soweit kamen, die Waffe in Empfang zu nehmen – beide untauglich. Ein hartes Schicksal, an dem wir heute noch kauen.

Disclaimer zum Disclaimer: Zugegebenermassen habe ich aber in jungen Jahren den Jungschützenkurs besucht und lagerte so zwischenzeitlich das zweite Symbol der Männlichkeit (neben der ebenso potenten Waffe „Auto“) in unseren heiligen vier Wänden. Meine zukünftige Ehefrau kann ich aber bereits jetzt beruhigen: Getroffen habe ich so gut wie nie. Auch wenn irgendwo noch ein Kranz herumliegen sollte … Merke: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!“

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Labels: Politik

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