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Freitag, 2. Januar 2026

Crans Montana: Einige Gedanken zur Tragödie

Auf Twitter geht der Spruch bereits um: Nach Immigrationsexperten im 2015 waren wir plötzlich alle Virologen, dann Kriegsführungsexperten, und seit dem 1. Januar 2026 morgens sind wir nun alle Brand(verhütungs)experten.

Trotzdem wage auch ich mich auf die Äste hinaus: Ich vermute, dass die Untersuchung der Tragödie für viele Akteure ungemütlich werden wird — ich befürchte (wie üblich) Versagen auf verschiedensten Ebenen, mit unterschiedlichster Motivation:

  • Club-Betreiber: Profit über Sicherheit (wetten?). Vorgaben zur Einlasskontrolle, sowohl bezüglich der absoluten Menge der Leute im Keller (eh, Club), aber auch weil gemäss einer Aussage Minderjährige im Club waren. Schulung des Personals und der Security für Brandfälle (auf einem Video sieht man, wie jemand mit einem Küchentuch versucht, das Feuer des brennenden Schaumstoffs zu ersticken). Vorhandensein von brauchbarem Löschgerät. Einbau von schnell brennbarem, lärmabsorbierendem Schaumstoff an der Decke: Unfall, oder bewusst?
  • Security: Rasche Reaktion, und noch wichtiger: Das richtige Tun! Sprich: Ruhe bewahren, sofortige Evakuation, Ausgänge frei machen. Viele Feld-, Wald und Wiesen-Sicherheitsfirmen und das von denen rekrutierte Personal willst du in solchen Situationen nicht in Entscheidungsfunktionen haben.
  • Architekten, Baufirmen: Einhaltung von Brandvorschriften bei der Planung, dem Kauf und dem Einbau von Material. Abschlusskontrolle (wurde effektiv das Material verbaut welches auch „verkauft“ wurde?).
  • Gemeindebehörde (bspw. Bauverwaltung, Brandinspektion): Baubewilligungen, Abnahmen, regelmässige Kontrollen.
  • Feuerwehr: Rasche Reaktion, das richtige Tun; Hilfe bei Evakuation, um möglichst rasch möglichst viele Leute in Sicherheit zu bringen

Ob dies zu Verhaftungen, Verurteilungen und unbedingten Geldstrafen oder sogar Gefängnis für gewisse Akteure führt, weiss ich nicht, befürchte aber, dass das wie üblich nicht so einfach geahndet werden kann wie ein Ladendiebstahl.

Ich glaube dass mit dieser Tragödie das Clubben in Crans-Montana über Nacht deutlich sicherer geworden ist. Ich bin mir fast sicher, dass spätestens ab Montag die Behörden hyperaktiv alle gefährdeten Etablissements abklappern, Baumängel monieren werden und gegebenenfalls Clubs schliessen, wenn diese Brandvorschriften nicht einhalten. Schön, aber der Preis für diese (endlich) neu gewonnene Sicherheit sind über vierzig Menschenleben.

Auf jeden Fall würde ich bereits jetzt mal Pässe einziehen, und Büroräumlichkeiten versiegeln, um Dokumente sicherzustellen.

Die Frage, die ich nicht beantworten kann: Wäre ich bei der ersten Flamme aus dem Club gerannt, oder hätte ich wie viele Gäste das Smartphone gezückt … und gefilmt?

Zwei persönliche Randbemerkungen:

Been there, done that. Vor 15–25 Jahren, in meinen 20ern, hätte ich durchaus auch in solch einem Schuppen Neujahr gefeiert. Für einige Jahre waren wir Kollegen jeweils zu Neujahr in Haute-Nendaz und feierten jeweils im dortigen Trappiste (ob es den Laden noch gibt?). Das Interieur: viel, viel Holz, einem nordamerikanischen Chalet nachempfunden. Immer vollgepackt mit Partyvolk aus aller Welt. Das Wildeste, was wir dort geschafft haben: Einer von uns tanzte zu feuchtfröhlicher Stunde auf dem Tisch, fiel runter, schlug sich den Kopf auf, und musste dann nach Sion ins Spital gefahren werden, um vom Notarzt als erste Person im neuen Jahr genäht zu werden.

Exactly been there. Ein Blick in meine Photos.app zeigt übrigens, dass ich am 20. Mai 2020 mit Kollegen in diesem Laden (Le Constellation) eingekehrt bin. Ich kann mich erinnern, dass ich mir auf der Pergola an der frischen Luft ein Guinness gegönnt habe. An den Keller kann ich mich nicht erinnern, obwohl es sein könnte, dass ich während des Umtrunks auf die Toilette gegangen bin (die Toilette könnte sich aber auch im Erdgeschoss befunden haben, ich weiss es schlicht nicht mehr):

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Labels: Schweiz

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