Mittwoch, 13. Juli 2005

Virales Marketing – wenn Ahnungslose Begriffe verwenden

Als angehender Historiker tut man etwas sehr oft: Geschichte(n) aufarbeiten. Auch hier will ich nun ein erstes Mal beginnen, meinen Leidens-, eh, Berufsweg zu zerpflücken und dem Publikum etwas näher zu bringen. Zwei Web-Agenturen, ein humanitäres Hilfswerk und die Bank des Schweizerischen Brieflieferanten waren schon Absender meiner Gehaltschecks. Zurzeit bin ich sozusagen schon fast Beamter, da Angestellter der Universität Bern.

Obwohl alle vier ihre Highlights hatten, waren insbesondere die zwei Web-Agenturen prädestiniert, guten Stoff für ein zeitkritisches, lesenswertes und interessantes Blog zu liefern. Wieso? Startups, wie man sie heute wegen dem negativ anhaftenden Image nicht mehr nennt (DVD-Empfehlung: Startup.com), hatten eins gemein: Flache Hierarchien, die Verinnerlichung der „Alles-ist-möglich“-Mentalität und nicht zuletzt auch das Ausgefallen-, das Anders-Sein, durfte nicht vernachlässigt werden. Ohne Regeln, aber eben auch ohne Ziel. Schwerer wog aber ein gewisses Amateurentum bezüglich der leitenden Angestellten. Diese kamen (und kommen?) aus dem kreativen oder technischen Bereich und können kaum Führungserfahrung aufweisen. Nicht, dass dies immer ein Manko sein muss, aber sehr oft geht eben schief, was schieflaufen kann (Kollega Murphy).

Vorneweg: Dies soll nicht heissen, dass ich über all dem stehe. Ich war jung und brauchte das Geld … Ich habe viele Dinge getan, die ich heute so nicht mehr machen würde. Selbst möchte ich das nun jetzt aber wirklich nicht aufarbeiten, aus gewissem Selbstschutz. Ich hoffe aber schwer, dass sich ein Blog-Schreiber meiner dunklen Vergangenheit annimmt und alles ans Licht bringt, das das Publikum wissen sollte. Freiwillige?

Doch alles der Reihe nach, dies ist erst der Anfang. In Zukunft werde ich versuchen, noch näher aus dem Nähkästchen zu plaudern. Bis mich einer der beiden Arbeitgeber verklagt und den Server meines Hosters konfisziert, mich vor Gericht bringt und ich eine grosse Summe bezahlen muss, um den entstandenen Schaden wieder gut zu machen (Rufschädigung trifft den Nagel wohl auf den Kopf).

Dies ist übrigens aber gerade ein sehr guter Test um zu überprüfen, ob meine Ex-Arbeitgeber auch mein Blog konsultieren. Ich bin gespannt!

Kapitel 1 – Modebegriffe

Gleich auf der Homepage meines ersten Arbeitgebers (Arbeitsbeginn: 10. Juli 2000, kurz nach meiner Matur vom 23. Juni 2000) finden wir ihn, den Satz, der diese ganze Story ins Rollen gebracht hat:

Virales Marketing: Konzepte & Tools für erfolgreiche Booster-Effekte

Komische (fremdsprachige) Wörter:

  • Virales Marketing
  • Tools
  • Booster

Naja. Nicht schlecht, werden mir die Leser beipflichten. Doch es gibt genau eine Frage, die man sich nach der Erfassung dieses Satzes stellen sollte:

Was zum Teufel will man mir damit sagen?

Antworten gibt es viele, die naheliegendste ist wohl: Erzwungene Anbiederung an das junge, anglophile Publikum. Wenn da jemand nur keine falsche Vorstellung vom (Ziel-)Publikum hat?
Wo aber kommen wir heute schon noch ohne diese Anglizismen aus? Überall werden sie uns entgegengeworfen, obwohl empirisch belegt die meisten Schweizer absolut keine Ahnung haben, wie englische Marketingsätze zu übersetzen wären, geschweige denn, was sie denn wirklich bedeuten.

Etwas „Off-Topic“ (Ha! Habt ihr meinen gezielten Einsatz eines englischen Ausdrucks soeben bemerkt?): Hat jemand die neue Sony-Plakatwerbung gesehen?

Don’t think. Shoot.

Köstlich, nicht wahr? Das VBS und all die unzähligen Schiessstände in der Schweiz sollten Abzüge von diesem Plakat erhalten … Auch die NRA kommt aus meiner Sicht dafür in Frage.

Zurück zum Thema: Virales Marketing. Nach Guerilla Marketing wohl das kommende Modewort. Für das Verständnis war die reich illustrierte Seite äusserst nützlich. Kenntnisse der Medizin sind selbstverständlich unabdingbar, wenn es um Viren (wenn auch im übertragenen Sinne) geht. Wie und was auch immer geschieht – man erhofft sich mit der Infektion des Wirtes wohl indirekt die (bessere) Erreichung von wirtschaftlichen Zielen. Klappt das denn? Das muss sich wohl noch erweisen. Wenn einem der Patient dadurch um Gottes Willen nur nicht wegstirbt! Aus meiner Sicht ist das Konzept jedenfalls alter Wein in neuen Schläuchen: Wenn ich die farbenfrohen Diagramme deute, macht man genau das, was man schon immer gemacht hat: Den Kunden mit allen möglichen Medien zu erreichen versuchen. Via WWW, via TV, via Handy, via Newsletter. Nun ist in diesen Kommunikationsformen halt einfach der Virus drin (vorher war er wohl noch nicht da, ne?). Super Sache.

Aber wenn man den Marketing-Fuzzis einer Firma etwas verkaufen will, muss man sich halt einfach deren Sprache anpassen. Das wird wohl hier auch eine Rolle gespielt haben.

Von Micro-Sites und Pop-Unders

Obwohl ich das virale Eindringen des Begriffs Virales Marketing in die Räumlichkeiten der Bytix AG um 4 Jahre nicht miterleben durfte, war ich noch gerade dabei, als der Chef 2001 den Begriff „Micro-Site“ aufgeschnappt hatte und fieberhaft daran herumstudierte, wie dieses Wort an den Kunden gebracht werden konnte. (Wird Fieber eigentlich nicht zufälligerweise auch durch einen Virus verursacht?) Das Wort hat sich jedenfalls tapfer gehalten, wie eine spezifische Google-Suche zeigt. Wenn es Kunden bringt, wieso nicht? Mir persönlich läge es eher am Herzen, mit dem Kunden eine allgemein verständliche Sprache zu sprechen. Nicht er sollte sich auf mein Level senken (oder heben? Ansichtssache), sondern es zeugt von gutem Geschäftssinn, wenn man von sich aus versucht, eine verständliche Kommunikation zu fördern. Aber heute redet man ja sowieso andauernd aneinander vorbei. Englische Begriffe sollten auf jeden Fall verbannt werden, was aber heutzutage kein leiches Unterfangen ist.

Fazit

Virales Marketing funktioniert. Glauben Sie’s nicht? Schauen Sie doch nur, wie sich dieser Modebegriff in der Marketing-Branche festgesetzt hat. Zumindest diese Leute glauben wohl durch eine grassierende Viren-Epidemie an das, was sie selber predigen. Knapp am Ziel vorbei – aber so kann zumindest niemand sagen, dass Virales Marketing gar keinen Effekt hätte. Einen hat es sicherlich – aber wohl den falschen.

Was ich im nächsten Kapitel sezieren werde? Warten wir es ab!

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