Mittwoch, 10. Januar 2007, 12:48 Uhr

Die gestrige Keynote: Voller Uberraschungen

Die gestrige Keynote erlebte ich nur etwas bis zur Halbzeit, weil danach die sportliche Ertüchtigung rief. Genauso wie mein Fitness-Studio verpasst sich Apple eine Frischzellenkur, was sich gerade gestern Abend wieder geäussert hat.

Computer-what?

Gestern stand der Aufbruch in neue Absatzmärkte klar im Vordergrund.

Zuerst wird Apple TV (vormals: iTV) vorgestellt, das nun auch mit erheblicher Verspätung ein Media-Center von Apple darstellt. Das Gerät scheint in Ordnung zu sein und verbindet sich wohl auch problemlos mit den Macs zu Hause. Dennoch: Ich empfand das Ding – abgesehen von typisch raffinierten Industrial-Design Ivscher Prägung – als „me too“-Produkt. Nichts, was das Ding gross von der Konkurrenz abheben wird, nichts, was es nicht schon seit ein-zwei Jahren gäbe. Der Begriff Computer erschien nur am Rande, was nichts gutes für den ganzen Abend verhiess.

Erstaunlich zudem die Wahl des Namens: Der Projektname iTV wurde durch „Apple TV“ abgelöst. Nun gut, wieso nicht? Wahrscheinlich möchte man die „iThings“ a) entweder leise Aussterben lassen oder b) ausschliesslich auf Computer und Software beschränken (das iPhone widerspricht dem aber auch gleich wieder).

Ich könnte aber schwören, dass Apple bei der Namenswahl noch deutlich tiefere Beweggründe hatte, als auf den ersten Blick vermutet. Ich halte es mit Blick auf die gestrigen Ankündigungen für gar nicht so unwahrscheinlich, dass Apple tatsächlich ein „TV“ in heutiger oder zukünftiger Form aufziehen könnte. Mit der Namenswahl verbaut man sich auf jeden Fall rein gar nichts.

 

Dann kam das iPhone. Auch hier handelt es sich nicht um einen Computer im gewohnten Sinne, auch wenn auf dem kleinen Ding tatsächlich Mac OS X laufen soll. Himmelheiland, FreeBSD auf meinem Mobiltelefon? Mit Terminal? Das wird geil!

 

Am Schluss noch die Umbenennung von „Apple Computers Inc.“ zu „Apple Inc.“ Dieser Schritt ist nur folgerichtig – schon lange konzentriert man sich nicht nur mehr auf „dull little boxes“, sondern strebt die Expansion und Eroberung anderer Märkte an.

iPhone en detail

Das „Telefon“ ist interessant, wenn auch Kollege Burgdorfer die richtige Frage gestellt hat: „Aeby, du stehst doch explizit nicht auf eierlegende Wollmilchsäue“. Recht hat er! Jedenfalls auf die bisherigen „Schweine“ von Sony Ericsson, Nokia, Motorola, Samsung und wie sie alle heissen. Die überzeugen mich nicht. Und auch Apple wird einiges tun müssen, um mich für ihr Konzept zu gewinnen. Eine positive Grundhaltung ist aber auch bei mir nicht zu verneinen.

Böses Erwachen bei Nokia & Co.

Den heutigen Morgen möchte ich in den R&D-Abteilungen von Nokia und Sony Ericsson miterlebt haben. Ich bin wohl nicht der einzige, der sich gefragt hat: Wieso muss ein Computer-Hersteller den skandinavischen Pfeiffen vormachen, wie ein Mobiltelefon aussehen muss? Die Unterschiede erinnern etwa an die originalen Star Trek-Folgen und The Next Generation, wenn nicht gar weiter. Steve Jobs wusste, wieso er alle seine besten Kollegen als VIPs einlud – wenn er recht hat, läutet Apple eine Revolution in der Mobiltelefonie ein.

Der Touch-Screen mit seiner Bedienung scheint mir die grösste Errungenschaft – köstlich, wie Jobs hier die Tastendrücker und Stiftbenutzer vorgeführt hat. Wie responsiv die Oberfläche sein wird, bleibt aber abzuwarten.

Fazit: Neben den berührungsempfindlichen Display des iPhones und dessen glasklare Auflösung sehen alle mir bekannten Handys aus wie billige Spielattrappen. Ehemalige Stiefelfabrikanten und Söhne des Erics stehen vor einem Glaubwürdigkeitsproblem – oder zeigen mit ihrere Inaktivität nur, dass solche Mobiltelefone mit der heutigen Technik schlicht noch nicht brauchbar sind.

Mal schauen, ob bei Nokia & Co. nun die Köpfe rollen. Ich kann mir richtiggehend vorstellen, wie der CEO schreiend in die R&D-Abteilung rennt: „Why didn’t we made it?! Tell me! I want one of those!“

Bandbreitenhunger

Eines darf man dennoch nicht vergessen: Läuft bald jeder mit solch einem Gerät herum, steigt der Investitionsdruck für die Netzbetreiber stark an. Denn solche Geräte erfordern grosse Bandbreiten, was mehr Antennen und schlussendlich auch mehr Strahlung zur Folge hat. Das iPhone – primär an urbane Zeitgenossen gerichtet? Wir werden sehen.

Auf jeden Fall komisch, dass UMTS nicht erwähnt wird. Sind die Chips noch zu leistungshungrig und zu gross, um sie in das Gerät einzubauen? Oder drückt hier wieder der Ami durch, der immer noch in der CDMA-Welt lebt?

Ausdauerfragen

Und dennoch: Das Problem der Wollmilchsäue ist auch weiterhin die Akkulaufzeit. Was bringen mir MP3-Walkman, Internet-Browser, E-Mail-Client und was-weiss-ich, wenn mir das Gerät nach zwei Stunden Betrieb abliegt? Auch die von Apple angetönten 6h Betriebszeit überzeugen mich kaum – iPod-Besitzer gehen diesen masslosen Übertreibungen seitens der Frucht-Firma garantiert nicht mehr auf den Leim.

Solche Probleme werden die positive „Experience“ des Produkts deutlich schmälern.

SIM-Lock?

Übrigens: Wer sich bereits Ende 2007 herbeisehnt: Ich kann mir gut vorstellen, dass Apple das Produkt in exklusiven Partnerschaften vertreiben wird. In der Schweiz wünsche ich mir natürlich, dass Orange der gewählte Partner sein wird (Vorteil gegenüber Swisscom: In mehreren Ländern präsent). Mal ehrlich – zu Swisscom passt ein iPhone doch wirklich schlecht, auch wenn dort die meisten Business-Leute zu Hause sind. Die sollen ruhig weiter an ihren Blackberrys herumdrücken …

Auf Grund dieser Vertriebsexklusivität glaube ich nicht, dass man dieses Telefon im Detailhandel kaufen werden kann, um danach die SIM seiner Wahl einzusetzen. Ich befürchte einen SIM-Lock, gekoppelt mit iPhone-spezifischen Services, die sowieso nur der ausgewählte Netzbetreiber anbieten wird.

Tipp: An der Höhe der SIM-Unlock-Anfragen im Netz wird sich zumindest die Popularität des Telefons sehr akkurat messen lassen…

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Labels: Wirtschaft

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