Montag, 10. Oktober 2005

Economiesuisse liest think eMeidi

Der Tagi berichtet über die Forderung der Economiesuisse nach mehr Verkehr … eh, nach der Verflüssigung des Verkehrs.

Das ist doch ein alter Hut. In meinem Blog-Artikel Baut mehr Strassen! vom September 2005 forderte ich genau dasselbe: Es muss eine vierte Bareggröhre her. Denn, so hat man herausgefunden, hat der Bau der dritten Röhre nämlich rein gar nichts gebracht. Anstelle der vorher 100’000 Autos am Tag passieren nun einfach 120’000 die Tunnels, Tendenz steigend. Dass dies bald nicht mehr reicht, war als ersten den exzellenten Rechnknechten der SVP klar. Also los, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt … *sing*

Halt! Bevor wir uns jetzt auf den Bau neuer Autobahnkilometer und auf Spurerweiterungen stürzen – ruhen wir uns etwas aus, atmen ruhig durch und lassen das gesagte nochmals Revue passieren.

Gegenfrage: Wenn ein Kind immer dicker wird – gibt man ihm dann mehr zu essen? Irgendwie wäre diese Massnahme hier doch völlig undenkbar. Lieber würde man sich überlegen, wie man die Ernährung derart umstellen kann, dass die Fettleibigkeit mit all seinen drohenden Komplikationen abgewendet werden könnte. Zum Wohle aller – der Krankenkassenprämienzahler, wie auch der Eltern und Geschwister.

Kernaussage

Aus der Sicht der Wirtschaft müsste primär die Infrastruktur ausgebaut werden, insbesondere auf den Hauptachsen und in den Agglomerationen.

Das hatten wir oben schon – ein Kommentar erübrigt sich wohl dahingehend. Motto: Ich habe Hunger, gebt mir zu Essen! Ob die Ernährungsweise aber sättigend ist oder nicht, interessiert kein Schwein.

Die Pauschalaussage „Baut mehr Strassen“ ist aber zu differenzieren. Die Economiesuisse hat neben viel Mumpiz doch einige Verbesserungsvorschläge angebracht, die näherer Betrachtung bedürfen:

Baustellen

Ausserdem sollte der Strassenunterhalt möglichst rasch, ohne Behinderungen des Verkehrs ausgeführt werden.

Stattgegeben. Ich denke, dass sich hier noch grosses Optimierungspotential befindet. Mit drei Schichten non-stopp arbeiten sollte auf vielfrequentierten Verkehrsachsen möglich sein. Und am Wochenende sowieso. Die Frage ist nur wieder einmal: Wer schuftet freiwillig die Nacht durch? Wer opfert das Weekend? SBB-Chef Weibel jedenfalls nicht (Zitat: „Am Sonntag arbeite ich in der Regel nicht – da halte ich mich an die Bibel“ – kämpft aber postwendend für 365 Tage im Jahr geöffnete Shopping-Center in Bahnhöfen). Zurück zum Thema: Manchmal hat sogar eMeidi das Gefühl, dass Baustellen an einigen Tagen schlicht leer stehen.

Dem Ausbau des Strassennetzes seien aber politische, finanzielle und räumliche Grenzen gesetzt,

Und wo bitteschön bleibt eigentlich die Umwelt? In diesen Kreisen geht diese leider allzu oft unter, was hiermit wieder einmal exemplarisch bestätigt wurde.

Demnach soll die Benutzung von Strassen nur zahlenden Verkehrsteilnehmern erlaubt sein.

Hier! Daher! Wo kann ich unterschreiben? Ich bin ein Fan von Road Pricing. Sobald man nämlich einen gewissen Betrag zahlen muss, überlegt es sich auch der sparsame Schweizer, ob er diese Fahrt wirklich machen muss. Der Return on Investment aus dem Wirtschaftsenglisch kommt dann ins Spiel.

Zudem gibt es Massnahmen, die wirksamer sind, aber auch stärker in die Freiheit der Verkehrsteilnehmer eingreifen. Massnahmen der Verkehrsleitung und -steuerung umfassen Fahrberechtigungen, Dosieranlagen, Rampenbewirtschaftung oder zeitweise Fahrverbote.

Was Economiesuisse nur andeutet, möchte ich hier zum Schluss noch genauer erläutern. Wer will, soll sich bei mir melden. Dann setzen wir uns einmal gegen Feierabend an das Fenster im Stock D an der Murtenstrasse 35 und schauen die Kolonnen an, die da unterhalb auf der Murtenstrasse Richtung Autobahnauffahrt Forsthaus von dannen ziehen. Die meiste Zeit stehen sie zwar, aber das hat zum Thema ja überhaupt nichts zur Sache. Natürlich könnte man etwa 100 Spuren Richtung Forsthaus bauen – doch es gäbe deutlich effektivere und kostenneutralere Lösungen.

Meine zwei Vorschläge:

  • Eine Person pro Auto? Es ist nun einfach wirklich so: In den seltensten Fällen sitzt mehr als eine Person im Auto. Jawohl, das ist auch gut so, werden die Individualisten und freiheitsliebenden Lenker da draussen schreien. Ich finde es nur komisch, dass bei soviel Individualität alle um dieselbe Zeit nach Hause wollen? Da geht die Rechnung dann weniger auf. Wenn wir also die Fahrzeuge, die sich tagtäglich am Feierabend an der Murtenstrasse stauen, so richtig bis auf die letzten Plätze füllen würden, gäbe es schlicht keine Schlange mehr vor dem MEM-Gebäude. Aber Fahrgemeinschaften sind heute einfach nicht mehr gesellschaftsfähig. Sich mit jemandem abzustimmen grenzt an eine Menschenrechtsverletzung.
  • Schrumpfkur. Nun gut, ich kann ja verstehen, wenn man in seinem Auto nicht die Fürze des Beifahrers oder dessen Achselschweiss riechen möchte. Das wäre noch halbwegs verständlich. Doch wieso himmelheiland stehen soviele Solo-Fahrer mit ihren SUVs und Kombis in der Schlange? Wenn solche Leute (wo finden die in der Stadt eigentlich Parkplätze für ihre Gefährte?) konsequent auf Smarts umsatteln würden, wäre auch der Stau nur noch halb so gross. (Wer’s noch nicht kapiert hat: Halbierung der Fahrzeuglänge und so …). Aber [………] (Anleitung: irgendein tolles Argument an den Haaren herbeiziehen und zwischen die Klammern setzen) machen diesem Vorhaben genause den Garaus.

Was solls. Dann baut euch halt die Strassen, die ihr so sehr wünscht, und werdet glücklich damit. Aber denkt daran: Es gibt auch ein Leben nach dem Auto (nämlich vor dem Computer *zwinker*).

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Labels: Politik

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