Archiv 2007

Donnerstag, 9. August 2007

Futter für den Wahlkampf

Letzten Freitag hat sich Kollege Smythe noch sichtlich erfreut darüber gezeigt, dass wir dieses Jahr keinen „Jahrhundertsommer“ à la 2003 erleben mussten – und so die Grünen mit Blick auf die Parlamentswahlen im Herbst nicht noch den dritten oder vierten Nachbrenner zünden konnten.

Die Ereignisse der letzten Tage, insbesondere der gestrigen Nacht und des heutigen Tages, haben der ganzen Schweiz (wieder einmal) vor Augen geführt, dass die Natur uns auch heute, im 21. Jahrhundert, auf Trab halten kann. Die letzte „echte“ (und unberechenbare) Supermacht auf diesem Planeten, sozusagen.

Herr Blocher mag noch lange beschwichtigen, dass ihm der Klimawandel nicht zu schaffen mache – im Gegenteil, ein Temperaturanstieg von einigen Grad Celsius wäre doch optimal. Der Haken am Ganzen: Dass die Temperaturen steigen, ist leider nur eine Entwicklung von vielen. Die Veränderungen in den Niederschlagsmustern müssen genau so in Betracht gezogen werden. Ich wage zu behaupten, dass die Niederschläge der massgebende Faktor für das „Wasserschloss“ Schweiz sind …

Inwiefern die Grünen diese Ereignisse in bare Wählerstimmen umwandeln können, muss sich zeigen.

Merke: Sommer können heiss-trocken (wie bspw. 2003) oder aber eben kalt-nass (wie dieses Jahr) ausfallen. Dazwischen gibt es unzählige Variationen.

Ein Experten-Bericht über die zu erwartenden Veränderungen für die Schweiz postuliert:

Temperaturerhöhung im 21. Jahrhundert

Von 1990 bis 2100 steigt die globale mittlere Temperatur um 1.4 bis 5.8°C (Abbildung 6b). Dieser Bereich ergibt sich aus den SRES-Szenarien und verschiedenen Klimamodellen. Die Erwärmung ist 2- bis 10-mal grösser als diejenige im 20. Jahrhundert und ist sehr wahrscheinlich einzigartig seit dem Ende der letzten Eiszeit vor ungefähr 10’000 Jahren.

Klimaänderungen sind regional sehr unterschiedlich. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Temperatur über Land und im Alpenraum stärker erhöht als im globalen Mittel. Es ist ebenfalls sehr wahrscheinlich, dass Häufigkeit und Intensität von sommerlichen Hitzewellen in ganz Europa zunehmen und dass die Anzahl Frosttage abnimmt.

Niederschläge im 21. Jahrhundert

Niederschläge werden wahrscheinlich in mittleren bis hohen nördlichen Breiten zunehmen. In den meisten Gebieten mit zunehmenden Niederschlägen werden Schwankungen im jährlichen Niederschlag sehr wahrscheinlich grösser. Für den Alpenraum zeigen die Modelle tendenziell eine Abnahme der Niederschläge im Sommer und eine Zunahme der Niederschläge im Winter. Es ist wahrscheinlich, dass die Häufigkeit von Starkniederschlägen, vor allem im Winter, in Europa zunimmt. Für einige weitere extreme Wetterphänomene gibt es zurzeit nur ungenügende Information, um Trends abschätzen zu können, weil die globalen Klimamodelle für verlässliche Vorhersagen noch nicht genügend räumlich aufgelöst sind. Zum Beispiel werden kleinräumige Wetterphänomene wie Gewitter, Tornados und Hagel in Klimamodellen nicht simuliert.

Quelle: Das Klima ändert – auch in der Schweiz

(Hinweis: Ich will damit keinesfalls behaupten, dass dieses Naturspektakel als Anzeichen des vielbeschworenen Klimawandels gedeutet werden soll – um damit zu argumentieren, muss man die Tendenz der langjährigen Mittelwerte heranziehen)

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Donnerstag, 9. August 2007

USA bald im Bürgerkrieg?

Wo die freie Meinungsäusserung hochgehalten wird, kommt nicht immer Intelligentes raus:

And it isn’t just progressives and liberals. I have heard some conservatives say the same thing.
Everyone is thinking the same thing; Are we headed toward another civil war?

Quelle: The Rising Tide of Popular Discontent in America

Immer diese Verschwörungsfanatiker und Untergangspropheten aus der ersten Demokratie der Welt!

Aus der Luft gegriffen

Ein Bürgerkrieg wird wohl kaum passieren – wie uns nicht zuletzt ein feinsinniger Reddit-Kommentator lehrt:

The only way there will be a civil war in the US is if television died.

Quelle: Kommentar auf Reddit

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Donnerstag, 9. August 2007

Mac Pro oder iMac?

[…] most of the rest of us habitual pro Mac desktop buyers have to give the iMac some serious consideration. Steve Jobs came out and said it: Apple now considers the iMac line the home for “consumers [and] prosumers, but a lot of our pro customers as well.” As someone with a Power Mac G5 and an Apple Cinema Display sitting in my office at home, I’m sorely tempted to keep the monitor, but attach it to one of these new iMacs. And I’ve never, ever bought an iMac for my home before.

Quelle: Breaking down the Apple announcements

Mir geht es ähnlich – sollte mein derzeitiger PowerMac G5 1.8GHz Dual einmal ersetzt werden, könnte es durchaus einer dieser neuen iMacs sein! Ich frage mich derzeit aber noch, ob ich dann auf das 24″-Modell losgehen werde (1900×1200) oder den 20 Zöller wähle und einen zweiten Monitor daneben hinstelle (ich habe mich mittlerweile dermassen an zwei 1280×1024-TFT-Schirme gewohnt, dass ich diese kaum mehr missen möchte).

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Donnerstag, 9. August 2007

Sense bringt Hochwasser


DSCF2772.JPG
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Gestern Abend nach 10vor10 liessen es sich mein Vater, meine Schwester und ich es uns nicht nehmen, das das gefürchige Naturspektakel praktisch vor unserer Haustür (zum Glück ca. 50 Höhenmeter Unterschied zu unserem Vorteil) zu begutachten. In strömendem Regen wanderten wir hinab zur Autobahnzubringer-Brücke über die Sense. Ich kann mich nicht erinnern, den Fluss jemals derart hoch und derart schnell strömend gesehen zu haben.

Auf Grund der Lichtverhältnisse musste ich eine lange Belichtungszeit wählen (2 Sekunden, wenn ich die Anzeige richtig gelesen habe), weshalb man den turbulenten Abfluss nur schwer nachvollziehen kann:

Sense bei Neuenegg, 8. August 2007

Parkplatz für Wasserfeste

Das nachfolgende Video zeigt den Parkplatz auf der bernischen Seite. Normalerweise stehen dort, wo jetzt das Wasser über das Ufer trat, den Tag hindurch Fahrzeuge. Ein Fussgängerweg führt unter der Brücke hindurch gegen Thörishaus:

Wildwasserbahn

Auf der Mitte der Brücke stehend und in Flussrichtung schauend bot sich ein wildes Schauspiel. Wir versuchten uns gar nicht erst auszumalen, wie die Situation bei Laupen beim Zusammenfluss von Saane und Sense ausgesehen haben mag …

Weitere Berichterstattung

hochwasser – sense und schwarzwasser

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Mittwoch, 8. August 2007

Jasons Nikon D200 suboptimal eingesetzt

Da leistet man sich eine sauteure Spiegelreflex-Digitalkamera (schon nur der Kamerabody kostet 2’000 SFr.), um danach aus einem fahrenden Auto durch die Windschutzscheibe das Schild von Beverly Hills zu photographieren:

Alle Fotos » USA August 2007 » Los Angeles » Hollywood & Beverly Hills » DSC_6610.JPG

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Mittwoch, 8. August 2007

Sommer? Welcher Sommer?


Precipation
Originally uploaded by emeidi

Ich geb’s auf – dieses Jahr wird es nichts mit einem Marzili-Sommer. Der bedenklich nasse Juli hat im August seine Fortsetzung gefunden.

Meine Wohngemeinde Neuenegg ist besonders leidtragend – zuerst die Überschwemmung im Grabmattweg und in der Austrasse, und jetzt das arme Pfadiheim. Vis-à-vis auf der anderen Seite des Tals haben Geröllmassen die Bahnlinie Bern-Fribourg unterbrochen.

Aber mir soll’s Recht sein:

Beruhigend, dass ich nicht aus dem Büro hinausschauen kann und mich über die verpassten Stunden an Sonnenschein im Marzili ärgern muss.

Ah, und noch ein Novum: Dieses Jahr gab es (unfallsbedingt) keinen Sandstrand, auf dem ich mich breit gemacht habe.

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Dienstag, 7. August 2007

nbtstat und nmblookup

NetBIOS ist eines dieser Netzwerkdinger (Protokoll sollte man ja genau genommen nicht sagen, wenn ich Wikipedia richtig verstehe), die im Leben eines Windows-Supporters dann und wann auftauchen.

Heute beispielsweise. Ich sollte einen Lizenzserver ansprechen, um eine „Floating License“ für eine Medizinalapplikation abzuholen. Und zwar erfordert die Applikation die Konfiguration des Lizenzservers mittels folgender Angabe:

<port>@<NetBIOS-Namen>

Konkret also

2007@PCSIMON5

Unter Windows schien es der Applikation keine Probleme zu bereiten, diesen Rechner anzusprechen (war doch der netzweite WINS-Server von mir ordnungsgemäss unter den TCP/IP-Einstellungen aufgeführt).

Unter Mac OS X kam es – wie von mir befürchtet zu Probleme. Obwohl der WINS-Server unter Applications > Utilities > Directory Access (diesen Konfigurations-Ort kennen nur wenige) ordnungsgemäss eingetragen war, schlug die Verbindungsaufnahme fehl.

Nun gut, wenn nicht mit dem NetBIOS-Namen, dann geht es vielleicht mit der IP-Adresse. Leider hatte der Serverbetreiber aber vergessen, mir diese mitzuteilen. Was nun? Ich konnte mich vage an zwei Kommandozeilen-Utilities erinnern: nbtstat unter Windows, sowie nmblookup unter Linux. Mit diesen zwei Tools, so war es mir, sollte man von einem gegebenen NetBIOS-Namen die dazugehörige IP-Adresse ausfindig machen.

nbtstat

Der Befehl hierzu hiess:

nbtstat -a PCSIMON5

Leider war neben der Auflistung des Rechner- und des Arbeitgruppennamens keine IP-Adresse ersichtlich, hingegen aber die MAC-Adresse. Immerhin!

Nachdem ich einige Minuten mit dem Gedanken spielte, eine Reverse ARP-Anfrage durchzuführen, gab ich schlussendlich auf, weil ich nicht herausfinden konnte, wie das unter Windows gemacht wird (arp ist mir bekannt, doch die Tabelle enthielt die gewünschte MAC-Adresse nicht).

nmblookup

Ich kehrte teils freiwillig, teils durch Druck des eigentlichen Besitzers des Windows-PCs an den Mac zurück. Denn ich wusste, dass auch Samba ein nbtstat-ähnliches Tool mitführt:

nmblookup -U 192.168.0.1 -R 'pcsimon5'

Wobei mit -U der abzufragende WINS-Server angegeben wird. Und hurra, damit klappte es tatsächlich!

Einziger Wehrmutstropfen: Der Server liess sich unter Mac OS X auch nicht mit

2700@192.168.0.99

ansprechen. Mal schauen, ob der Hersteller der Software eine Lösung bereit hält.

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Montag, 6. August 2007

Schweizer Demokraten


Schweizer Demokraten
Originally uploaded by emeidi

Was passiert, wenn der bekennende Linke think eMeidi an einer Hundsverlochete in Bern auf einen Nationalratskandidaten der Schweizer Demokraten trifft? Er versteckt schleunigst sein rotes Parteibüchlein, schlüpft in die Rolle eines Polterers gegen alles Fremdländische und nickt wohlwollend zu allen Aussagen, die man in der Nähe jedes noch so kleinen Stammtisches so von sich gibt. Irgendwie gelingt es einem Kollegen von mir mit bäuerlichen Wurzeln besser, die Diskussion am Laufen zu halten. Während des sich entwickelnden Gesprächs frage ich mich gelegentlich, ob mein Kollege es nicht auch ein wenig ernst meint? So gut kann niemand einen Xenophoben spielen. Ah ja: Alle um mich herum kennen irgendwie so viele mir unbekannte Ausländerwitze …

Damit sich aber die Kuscherei lohnt, muss ein Beweisphoto her. Idee: Mario Aeby. Ausführung: Kollege Randal. „Isch äbe glich mängisch guet, hetme es Handy mit Kamera drbi!“

Einziges Problem: Als sich die Spuren des politinteressierten Kollegen wieder mit mir kreuzen, stehe ich mit Randal und seiner Bekanntschaft aus dem Balkan an der Bar – die Reaktion der Dame auf das SD-Logo folgt prompt: Der Arschfinger wird gehoben. Und da soll einer noch sagen, die heutige Jugend sei apolitisch!

Übrigens: Wenn ich mich nicht irre, handelt es sich um den Nationalratskandidaten Yves Berger.

Dank: Yves für das Mitmachen, auch wenn du meine politische Gesinnung nicht kanntest; Chlodwig für den Pulli als Leihgabe (ich hatte kalt); Randal für das anbahnen des Kontaktes und die Überzeugungsarbeit, die schlussendlich zu diesem Photo führte; Randal ebenfalls für die immer griffbereite Digital-Kamera.

Labels: Politik

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Sonntag, 5. August 2007

Wenn gruscheln langweilig wird

Any human with the slightest sense of ratio will rather quickly be bored of (super)poking, foodfight and many similar applications. Sure, poking can be fun, but only for a rather short period of time. After having poked all your friends hundreds of times, there only are two options. Whether you have become the typical FB drone or you realize that what you are doing makes no sense at all.

Third possibility is that you have already been fired from your job because of all the working time you spent at FB.

Quelle: The Facebook Backlash, But Only Among Insignificant A-Listers and Geeks

Der zitierte Autor spricht zwar über Facebook, doch dasselbe gilt auch für den germanischen Klon StudiVZ, wo to poke gruscheln heisst.

Nur zu sehr würde mich gerne einmal den zeitlichen Verlauf der Gruschel-Aktivität eines Benutzers sehen: Nach einem Peak gleich zu Beginn der Mitgliedschaft senkt sich die Frequenz im Verlauf der Zeit zunehmend gegen Null.

Peakt Facebook?

Wisdump sagt für Facebook, deren Gründer den Wert der Plattform auf fantastische (und deutlich überrissene) 8 Milliarden US-Dollar schätzen, eine ähnliche Zukunft voraus wie MySpace – sobald Proleten beginnen, die Community zu überfluten, zieht die Karawane der Early-Adopters weiter zu einem neuen Produkt.

Parallelen zu Partyguide?

The banners shown on FB are of acceptable visual quality. But who guarantees that application builders won’t soon build in fastmedia/clickmedia smiley and casino banners?

Mix those four elements up and you have exactly what a websites needs to become really popular: a butt ugly looking flashing and blinking banner farm. […]

Wenn ich das so lese, kommt mir auf einen Schlag das schweizerische Pendant in den Sinn: Partyguide! Auch wer das Portal (immer noch) nicht kennen sollte, kann sich einen kurzen Eindruck drüben bei PGWatch machen: Wie grusig darf Wärbig sii (Part 4). Ale1981 zeigt in regelmässigem Abstand auf, dass es a) bei Partyguide an einem fähigen Designer mangelt (wen wundert das?) und b) man für Werbegelder alles macht.

Labels: Web

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Samstag, 4. August 2007

Hauptbahnhof Bern: Freitag, 22.00 Uhr

Ich humple gerade vom Bankomaten der Crédit Suisse zurück an den Treffpunkt, als ich einer hübschen Blondine in die Augen blicke. In ihrer rechten Hand trägt sie ein 20iger-Nötli. Ich wende mein Blick schon wieder Richtung Treffpunkt, als sie mich anquatscht. Ich fühle mich geschmeichelt (Krücken scheinen einen anziehenden Effekt zu haben), bis die ersten Worte über ihre Lippen kommen:

„Grüessech! [Verdammt, sehe ich schon so alt aus?!] Sit dir scho 18i gsi?“

Ich: „Ehm, i wür meine, ja …“

Sie: „Chöntet dir mir ga Alk choufe? [Verdammt, quatsche deswegen das nächste Mal keinen Halb-Invaliden mehr an!]“

Ich: „Nei, sorry … Tuet mer leid.“

Zurück bei meinen wartenden Kollegen am Treffpunkt erzähle ich die Geschichte – und werde (vom Juristen, notabene!) gefragt, wieso um Himmels Willen ich der Dame nicht ihren „Stoff“ besorgt habe.

Ich weiss es nicht genau, aber ich habe das Gefühl, dass es meiner Entwicklung gut getan hat, dass ich Bier erst ab ca. 18 Jahren getrunken habe (wobei Kompensationseffekte nicht auszuschliessen sind – meine Leber weiss mehr dazu). Ausserdem bin ich ja bereits schon in eine Strafuntersuchung verwickelt.

Bevor wir das Thema ausdiskutieren können, müssen wir einem Reinigungsangestellten mit Putzgefährt Platz machen. Vor uns liegt in einer grossen Lache eine zerbrochene Wodka-Flasche. Schade um den Sprit!

Unweit von uns zieht eine Horde pubertierender Gören die Aufmerksam auf sich. Zuerst diskutieren sie mit jemandem, der auf der Promenade steht – danach fluchen sie lauthals empor und zeigen dem „chline Giu“ den Arschfinger. Dass bei den Mädchen dabei gleichzeitig eine Glasflasche mit likörhaltigem Inhalt die Runde macht, brauche ich kaum zu erwähnen. Ich halte mich zurück, gackernde Geräusche von mir zu geben – in solchen Situationen überkommt mich immer die Lust, die Gören subtil zu demütigen.

Während Hebo sein Ciabatta Grande verspeist (und Teile davon auf dem frischgeputzten Boden landen), fällt mir plötzlich die elektronische Anzeigetafel am Promenadengeländer auf. Zuerst lese ich eine Reklame, auf der das Gesicht eines Mannes zu sehen, unter dem geschrieben steht: „Mein bester Freund ist alkoholkrank.“ Über den Treffpunkt bewegen sich Leute in allen Richtungen – und fast jeder hält eine Getränkeflasche oder Dose in den Händen.

Wieso man heute alkoholkrank und nicht mehr -süchtig ist, bleibt mir ein Rätsel. Ist unkontrollierter Alkoholexzess etwa vergleichbar mit einer Grippe und Schnupfen, der einen mindestens einmal pro Jahr befällt? Ich glaube definitiv nicht. Wider diesem Neusprech!

Als ich das nächste Mal auf die Anzeigetafel blicke, trifft mich erneut der Schlag – und ich muss schmunzeln: Es wird für das morgen Samstag erscheinende Magazin geworben (meine Leser wissen: Das Magazin ist die besseren Weltwoche!). Der Hauptartikel lautet:

Die Jungen von nebenan

Jugendliche Sexualtäter sind die Bösewichte der heutigen Zeit. Doch immer schon gab es mehr von ihnen, als man wissen wollte. Wer sind sie, was richten sie an? Besuch bei Tätern und Opfern.

Quelle: Die Jungen von nebenan

Fast unreal die Szenerie: Im Vordergrund die tobende Meute allmählich besoffen werdender Jugendlicher, im Hintergrund die regelmässig aufleuchtenden mahnenden Worte, die wohl kaum absichtlich zu dieser Zeit an diesem Ort gezeigt werden.

Wir sind uns einig, dass solche Anzeigen auf Tafeln nichts bringen – „kann die heutige Jugend noch lesen? Ich glaube nicht …“ murmeln wir uns gegenseitig zu – und verlassen die „Schaubühne“ Richtung Front, wo wir uns ein paar Bierchen genehmigen werden.

Brave, new world!

Irgendwie beschleicht mich an solchen Orten immer ein wenig das Gefühl der drohenden Apokalypse. Hoffen wir, dass ich mich irre. Andererseits: Immer mehr Schweizer suchen psychiatrische Hilfe

Utopie

Soll im Bahnhof auch nach 21 Uhr weiterhin Alkohol verkauft werden? Ja. Weil wir das Problem sonst nur einfach nur weiter in den Vorabend verschieben würden: Dann kaufen die Boys & Girls ihren „Stoff“ halt einfach nach Feierabend. Und wie meine Leser wissen: Wenn selbst minderjährige Mädchen keine Skrupel haben, den 27-Jährigen als Einkäufer einzuspannen, werden sie wohl auch sonst Wege finden, die Alterskontrolle zu umgehen.

Wenn schon etwas gemacht werden soll, dann à la dem skandinavischem Modell: Alkohol wird mit enorm hohen Taxen belegt und kann nur in ausgewählten Shops gegen Vorweisung einer Identitätskarte gekauft werden. Noch orwellianischer: Auf der Karte wird gespeichert, wieviel Gesöff man im Monat/Jahr bereits gekauft hat. Wer die staatlich festgesetzte Limiten überschreit, bezahlt höhere Krankenkassenprämien, wird automatisch in eine Entzugsklinik eingewiesen und muss mit einem Kleber am Auto herumfahren, die vor potentiell besoffenen Fahrern warnt.

Spass beiseite: Schlussendlich muss man sich eingestehen, dass Alkohol nicht die Ursache, sonder nur ein Symptom des Problems ist, das einige Politiker mit dem 21-Uhr-Alkoholverkaufsverbot lösen möchten.

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