Mittwoch, 28. September 2005

Die Schweiz liegt nur noch knapp vor Osteuropa (war: Ch.ch)

Zuerst, zur Einstimmung – irgendwie passt der folgende Artikel gar nicht so schlecht in das Überthema:

Ein lesenswerter Artikel über eines der Modewörter unserer Zeit: Die „konstruktive Kritik“. Berners Gedanken regen zum Nachdenken an und gehören ins Standardrepertoire eines jeden Kritikers (also auch in meins *grins*).

Mein Mail an Herrn Sigg bzgl. Guichet Virtual / Ch.ch wurde zu Beginn dieser Woche beantwortet – nicht von ihm selbst, aber seiner „Leiterin Kommunikation“, Julia Glauser. Die Antwort hat er als Karbonkopie (ja, sorry, so heisst das auf deutsch übersetzt) erhalten.

Wieso ich das erwähne? Nun, im Mail findet sich ganz am Schluss auch:

Für gute Vorschläge und konstruktive Mitarbeit von Einzelpersonen und Gemeinden sind wir immer offen und diskussionsbereit.

Auch das Konstruktive ist also wichtig. Ich frage mich aber, ob Ch.ch wirklich verbessert werden sollte – oder nicht einfach ohne grosses Trara als misslungener Versuch abgestempelt und den Bach hinab geschickt werden sollte? Ich beziehe mich hier ausdrücklich nur auf das Portal. Sollten im Hintergrund ein Superprojekt laufen, das die Schweiz innert Jahresfrist in die höchste Liga des E-Governements katapultieren wird – na dann, hü!

Es ist aber wohl halt einfach so, dass die Bundesverwaltung, wie wohl jede öffentliche Verwaltung sonst auch, niemals ein Projekt einfach so absterben lassen würde. Lieber repariert und bastelt man jahrelang daran herum, mit der Hoffnung, dass „irgendwann einmal“ doch noch was rechtes draus wird. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Doch nehmen wir das Mail etwas auseinander – Skalpell, daher!

[Meine Frage: Portal im Zeitalter von Google]… Es ist wichtig zu wissen, woher die Informationen stammen, was bei Google nicht immer der Fall ist, wo nicht immer klar zu eruieren ist, aus wessen Feder die Inhalte stammen.

Aber Frau Glauser, Google selbst präsentiert ja auch keine Inhalte, sondern Links darauf. Und diese Inhalte werden auch heute noch, im Jahre des Herrn 2005, von den Gemeinde-, Kantons- und Bundesverwaltungen in unserem Land erstellt und im Netz angeboten. Jedenfalls die Inhalte, auf die Ch.ch heute verlinkt und also für dessen Portalbesucher interessant sind. Abgesehen davon … welchem durchgeknallten Zeitgenossen würde es in den Sinn kommen, Informationen zur AHV/IV und über die Ergänzungsleistungen zu fälschen? *smile*

… Deshalb wird ch.ch ab Ende Jahr als nationale Einstiegsseite der Schweiz positioniert …

Ich sehe schon die Bluewin, Cablecom und Sunrise-Installations-CDs daherkommen, die dem Benutzer ungefragt Ch.ch als Browser-Startseite einrichten werden. Sonst sehe ich nämlich schwarz, dass irgendjemand freiwillig dieses Portal als Startseite einrichten lässt. Frau Glauser, wollen wir wetten?

Mir schwant aber schon, dass Bundesberns Marketing-Experten dieses Problem erkannt haben und fleissig an einer Lösung Arbeiten. Erwarten wir also eine riesige Werbe-Kampagnen mit Plakaten, Kaugummi-Verteil-Aktion im HB Bern etc. Frei nach dem Motto „Nützts nüt, schadts nüt“.

… einen einfachen Zugriff zu ermöglichen und dabei Orientierungshilfe zu bieten, damit die Schalteröffnungszeiten wirklich einmal der Vergangenheit angehören werden. …

Wieso soll ein Portal, das auf andere Seiten verlinkt, Schalteröffnungszeiten obsolet machen? Schliesslich muss ja auf der anderen Seite des Links denn auch ein „Guichet Virtuel“ stehen, der rund um die Uhr für die Kunden da ist. Bevor dies aber nicht der Fall ist (es gibt immer noch Gemeinden, die haben nicht einmal eine Web-Site!), bringt auch ein Portal herzlich wenig. Die Schalteröffnungszeiten werden in unseren föderalen Strukturen nicht durch ein Portal des Bundes abgeschafft, sondern durch die Aufrüstung von über 3000 Gemeinde-Web-Sites. Und das wird Jahre dauern.

Hätte der Bund in den letzten Jahren nicht ein Portal aufgebaut, sondern eine fixfertige Lösung eines Guichet Virtuel-Systems gebacken, das nun von jeder Gemeinde gemietet werden müsste, ja dann würde ich mich mit Kritik zurückhalten.

Doch wie alles in der Schweiz beginnt auch dieser Prozess bei der kleinsten Einheit, der Gemeinde. Was beschert uns dieses Vorgehen hier? Jede Gemeinde – sofern sie es sich leisten kann – entwickelt ein eigenes Guichet-Virtuel-System. Und selbstverständlich werden diese Systeme nicht untereinander kompatibel sein. Viel Spass!

Dass es wirklich so kommen wird, zeigt folgender Pressetext vom Mai 2005:

Die ursprüngliche Vision, wonach über die gemeinsame Plattform Webservices für alle Partner zur Verfügung gestellt werden sollten, sei nach langen und intensiven Diskussionen aufgegeben worden.

Quelle: Bundesrat will Koordination im E-Government verbessern

Argh.

… im Hintergrund arbeitet ch.ch aber durchaus an konkreten Projekten und Lösungen, von denen auch Gemeinden und Kantone profitieren können, so dass denn in Zukunft der virtuelle Amtsschalter doch noch einmal Wirklichkeit werden kann. …

Angesichts obigen Pressetextes frage ich mich nun, wer denn jetzt Recht hat? Läuft was, oder läuft nichts? Ich befürchte immer noch, dass der Pressetext näher an der Wahrheit zu liegen kommt. Während der Bund bis 2005 bereits 30 Millionen (davon 1 Million pro Jahr für das Hosting – kennt man in der Bundesverwaltung eigentlich Hostpoint.ch nicht? 120 Stutz im Jahr, und man ist voll dabei!) für das Projektli ausgegeben hat, weiss man anscheinend immer noch nicht genau, wohin die Reise gehen soll.

Ganz anders in anderen Ländern. Dort werden Nägel mit Köpfen gemacht. Ich bin mir sicher, dass wir von den Skandinavischen Ländern viel abschneiden könnten, man vergleiche nur die Cap Gemini-Studie über E-Governement vom Oktober 2003. Auch 2005 wurde die Studie erneut durchgeführt und kommt zum Schluss, dass Schweden und Österreich führend sind. (PDF – direkt von der Bundeskanzlei).

Die Studie prognostiziert, dass die Verbesserung der Online-Ausbaustufe in den kommenden Jahren nicht mehr die primäre Rolle spielen wird. Wichtiger sei es dann, dafür zu sorgen, dass die Bürger und Unternehmen die angebotenen elektronischen Behördendienste auch mögliches breit und oft nutzen.

In anderen Ländern hat man also funktionierende Lösungen, weshalb man zum nächsten Schritt übergehen kann: Die Leute dazu ermuntern, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und die Dienste auch zu benutzen. Davon sind wir in der Schweiz aber offensichtlich noch weit entfernt.

Selbst die Bundeskanzlei betont auf einer ihrer Seiten:

Online-Umsetzungsgrad in der Schweiz in drei Jahren nur marginal verbessert: Die Schweiz liegt nur noch knapp vor Osteuropa

Quelle: Cap Gemini

Irgendwie kommen einem da die Tränen …

Zurück zu Frau Glauser:

Das persönliche Erscheinen ist in diesem Fall übrigens auch in Österreich notwendig, das bei der Capgemini-Studie beim Online-Umsetzungsgrad an zweiter Stelle liegt.

Immerhin – Sie kennen also die Studie auch :-) (übrigens: habe sie selbst bei Recherchen gefunden, ohne ihren Hinweis vorerst gelesen zu haben *schulterklopf*)

… Für die Strategie ist ein Steuerungsausschuss zuständig, dem unter anderen auch Vizekanzler Oswald Sigg angehört.

Deshalb ging das Mail ja auch direkt an ihn.

Fazit

Die Schweiz tritt in Sachen E-Governement immer noch an Ort und Stelle. Während sich andere Staaten schon auf der Zielgeraden befinden, wurden wir nach drei Fehlstarts disqualifiziert. Die Entwicklung läuft nun daraus aus, ein „Feigenblatt“-Portal zu realisieren, um aus den aufgewendeten 30 Millionen wenigstens noch etwas halbwegs brauchbares hinzupflastern. Im Vergleich zu dem, was ursprünglich geplant war überhaupt kein Ruhmesblatt für den IT-Standort Schweiz, und auch nicht für die Bundesverwaltung. Es läuft nun alles darauf hinaus, dass zuerst die Gemeinden, dann die Kantonen und schlussendlich der Bund separat eigene Lösungen erstellen lassen werden, die allesamt untereinander nicht kompatibel sind. Und in zehn, zwanzig Jahren werden Abermillionen aufgewendet werden müssen, all diese Systeme zu konsolidieren oder untereinander kompatibel zu machen.

Wachet auf! Momentan ist noch alles verloren – durch einen beherzten Führungsanspruch könnte man die Gwagglis auf eine Linie bringen und sie gemeinsam an einem Strick ziehen lassen. Unsere Nachfahren wären uns dankbar!

Guet Nacht!

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Labels: Neuenegg

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