Mittwoch, 21. September 2005

Jugendliche (Platz)verschwender

Welcher Jugendliche ist heute noch bereit, mit Geschwistern das Zimmer zu teilen oder während er Ausbildung im Elternhaus zu wohnen?

… fragte der Gemeinderat Zollikofens in einer Replik an die Verfasser eines Postulats des Virtuellen Jugendparlamentes. Diese hatten nämlich gefordert, „vorhandene Grünflächen in Zollikofen zu erhalten“ und nicht zu über- und verbauen.

Bis zum Eingangs zitierten Schlusssatz der Gemeinderäte schlug mein Herz noch für die politisch aktiven Jugendlichen. Doch die rhetorische Frage der Exekutive enthält tatsächlich ein Körnchen Wahrheit. Oder gleich ein ganzer Haufen?

Ich komme auch immer mehr zum Schluss, dass Generation Hip-Hop die fundamentalsten Wirtschaftszusammenhänge nicht mehr mit auf den Weg erhalten hat. So ist es kein Wunder, dass Klingeltonanbieter derart hohe Gewinne erwirtschaften und wir Twens uns über das täglich zunehmende Werbe-Gefunzel auf VIVA & MTV ärgern müssen … Nur durch konsequente Ignoranz ist es möglich, sich – oder in dem Stadium wohl eher die hart schuftenden Eltern – derart in Schulden zu stüren. Klingeltöne ist nur ein Aspekt – wenn man sich schon nur vor Augen führt, in welchen Klamotten diese krassen Möchtegern-Vorstadt-Gangster durch die Zeitgeschichte irren … Mich stört weniger das Aussehen (in meinem Schrank liegen selbst noch einige XXXL-Jeans herum), als der Preis, den man für eine solche Ghetto-Vollmontur bezahlen muss. Den Jugendlichen Recken sieht man es an, dass dafür wohl kaum sie selbst, als ihre hart schuftenden Eltern aufkommen müssen. Und das schlimmste: Man erachtet es als selbstverständlich – wenn man sich überhaupt Gedanken darüber macht.

Am Stärksten enerviere ich mich immer wieder über diese Witz-Figuren, die ihren meist schwarzen Hip-Hop-Vorbildern, die auf MTV predigen, nacheifern. So kommt es immer wieder vor, dass man die wieder ach-so-schicken Trainerhosen an einem Bein hochkrempelt. Soweit ich richtig informiert bin, bedeutet das in den Gangs of New … eh, America, dass man schon einen auf dem Gewissen hat (jedenfalls hat dies mindestens eine andere Person im Netz auch schon so gehört).

Certain gangs also favor one side of their bodies. For example one gang may favor the left side of their bodies by wearing their hats turned towards the left, the left leg of their pants rolled up and a bandana on their left side. While their rival gang will favor the right side of their bodies and wear the same type of clothing, on the right side of their bodies.

Zwar steht bei Gang signs and symbols nichts über Morde, aber immerhin: Es gibt also rechte und linke Gangster. Für den politisch interessierten Schweizer kaum etwas neues.

Aber Achtung!

Uniquely Berkeley #5: If you see a person with only their right pant leg rolled up, the chances are that he or she is not in a gang but is a biker. (I mean a bicycler.)

Quelle: Not In a Gang

Authentischer wird es sicherlich damit:

He has a range of clothing – Phat Farm. In the run-up to Christmas, Phat Farm jeans, complete with bullet holes in the trouser leg, are thought to be selling well.

Quelle: The Guardian

Wichtig ist aber auch, die korrekte Zeichensprache zu beherschen!

Bei den Überlegungen zum Inhalt dieses Blog-Artikels kam mir aber dann doch noch in den Sinn, dass Familien des 21. Jahrhunderts eigentlich nicht in 6-Zimmer-Villen hausen. Denn heute hat man halt kaum mehr Geld, mehr als ein oder höchstens zwei Kinder durchzufüttern. Somit erübrigt sich, wieviele Kinder man in ein Zimmer stecken kann. Ich jedenfalls habe die Zeit zusammen mit meinem Bruder in einem Zimmer genossen – schliesslich konnte man so nach Lichterlöschen noch über dieses und jenes diskutieren …

Quelle: „Jugendpostulat nicht erheblich“ in Der Bund, 21. September 2005, S. 23.

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