Posts Tagged ‘Russland’

Freitag, 10. Juni 2022

Die Blick-Kriegsdauer-Prognose des Monats (Woche? Tages?)

Militärgeheimdienst warnt

Russland kann Krieg noch ein Jahr weiterführen

Der ukrainische militärische Nachrichtendienst ist der Meinung, dass Russland über die wirtschaftlichen Ressourcen verfügt, um den Krieg «ein weiteres Jahr» im jetzigen Tempo fortzusetzen.

Auf Telegram schreibt der Nachrichtendienst: «Die Kreml-Führung wird wahrscheinlich versuchen, den Krieg für eine Weile einzufrieren, um den Westen zu überzeugen, die Sanktionen aufzuheben, aber dann die Aggression fortsetzen. Die wirtschaftlichen Ressourcen Russlands werden es dem Besatzungsland ermöglichen, den Krieg noch ein weiteres Jahr lang in seinem derzeitigen Tempo fortzusetzen.»

Und es wird prophezeit: «Russlands Ziel ist nicht nur die gesamte Ukraine». Welche Ziele Russland noch verfolgen soll, wird allerdings nicht erwähnt.

Quelle: Russland kann Krieg noch ein Jahr weiterführen

Seit dem 24. Februar prophezeit der Blick regelmässig den totalen Zusammenbruch der russischen Armee — Anfangs April hätte es bereits soweit sein sollen, und „im“ Juni auch wieder. Und jetzt das. Kann sich die Redaktion bitte mal einig werden?

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Donnerstag, 2. Juni 2022

„Unfähigste Armee der Welt“

Ich bin zwar erst auf Seite 6 angelangt, aber ein äusserst lesenswerter Artikel. Dieser Artikel in der Güte eines Tomahawk-Steaks bietet einen drastischen Kontrast zu all dem seichten McDonald’s Happy Meal Trash-Food, den uns Blick & Co. tagtäglich verfüttern wollen:

What is comforting about blaming the Russian failures on their practice, rather than their doctrine, is that it relieves Western militaries of any requirement to thoroughly examine their own doctrine. […] Neither Russia nor the West has had operational or combat experiences relevant to the war in Ukraine in over a generation, if not actually since World War II.

By operational experience I mean practice in deploying, maneuvering, and supporting large, multi-echelon formations in joint operations against a competent, well-armed enemy who is determined to fight and capable of doing so. […]

Quelle: WOULD WE DO BETTER? HUBRIS AND VALIDATION IN UKRAINE

Und jetzt die Gretchenfrage für den Westen:

Importantly, these levels of casualties in the Ukraine war also call into question the ability of Western armies to maintain adequate fighting strength in other than short wars with modest casualties.

Natürlich können sich unsere Armeen auf den Standpunkt stellen, dass sie in der Rolle der Ukraine alles im Griff hätten — es bleibt aber die Frage, ob wir uns nicht gehörig selber täuschen:

This new reality renders those criticizing the Russians not only wrong but dangerous. They are clinging to a doctrine that may be completely outdated in the current operational environment. That they persist in the view that Russian incompetence is mostly due to untrained and poorly motivated soldiers, led by corrupt and incompetent leaders, gives them a comfortable answer that does not invalidate their expertise or current practices. […] These experts also offer comforting conclusions: The good guys, who look like us, are beating the bad guys, with our help. It is a righteous war. We would do just fine.

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Sonntag, 22. Mai 2022

Der Tagi und Blick verbreiten eine neue Prognose zum Ende des Ukraine-Krieges

Wie lange kann Russland einen bisher erfolglosen Angriffskrieg noch aufrechterhalten? Nicht mehr lange, glaubt Militär- und Russlandexperte Gustav Gressel (43). «Wenn das so weitergeht, ist die russische Armee im Juni mit der Offensivkraft am Ende», sagt Gressel, der für den «European Council on Foreign Relations (ECFR)» arbeitet, dem «Tages-Anzeiger».

Probleme bei Putins Truppen: Ist die russische Armee im Juni am Ende?

Wichtig ist dabei, den Artikel genau zu lesen, und Gustav Gressels Einschätzung zu verstehen: Er sagt nämlich nicht, dass der Krieg im Juni gesamthaft endet, sondern nur der Angriffskrieg, der sich ab dann in einen Stellungskrieg transformiere.

Und so sehen wir wieder einmal, wie Blick-Journalisten mit ihren Schlagzeilen täuschen: Der Titel „Ist die russische Armee im Juni am Ende?“ verdreht die Expertenaussage „Angriffskrieg geht in einen Stellungskrieg über“ so sehr, dass das kein Unfall gewesen sein kann.

Notabene: Kürzlich habe ich irgendwo gelesen, dass die russische Armee in der Ukraine mittlerweile die Fläche Österreichs kontrolliert. Ich mache deshalb auch bei der Wahl des Adjektivs „erfolglos“ einige Fragezeichen. Die Frage, die man sich diesbezüglich eher stellen muss: War es das für Russland wirklich wert? John Mearsheimer bejahte das meiner Meinung nach kürzlich, weil Russland die Nato-Expansion auf die Ukraine als „existential threat“ anschaue.

Blick hat bezüglich solcher Prognosen einen äusserst guten Track Record, wie man auf Fachdenglisch so schön sagt. Ich habe im Blog-Artikel Der Countdown läuft darüber geschrieben (Prognose: Ende März/Anfangs April 2022).

A propos, später habe ich im Artikel Wann endet der Ukraine-Krieg? verglichen, wie lange der zweite Tschetschenienkrieg dauerte, und so meinen Kriegshorizont kalibriert.

Nachtrag

Vier Tage später titelte der Blick: Putins Truppen im Osten auf dem Vormarsch: Ist Russlands Sieg jetzt doch nahe?. Schön, darf in diesem Erzeugnis jeder mal zu Wort kommen — leider leidet darunter meiner Meinung nach etwas das Vertrauen in die Zeitung.

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Dienstag, 17. Mai 2022

Asowstal Neusprech in unseren Medien

Westliche „Qualitäts“medien kann man nicht mehr ernst nehmen.

Gestern Nacht begann es mit Reuters:

Five buses of evacuated Azovstal servicemen arrive in Ukraine’s Novoazovsk

Quelle: Five buses of evacuated Azovstal servicemen arrive in Ukraine’s Novoazovsk (mittlerweile umbenannt zu Ukraine ends mission to defend Azovstal steel plant)

Ich sah die Meldung ungläubig an — Evakuation? Wie jetzt? Hatten es die Ukrainer mit Unterstützung westlicher Militärspezialisten tatsächlich à la Black Hawk Down geschafft, in einer Nacht- und Nebelaktion ihre Kumpels aus den Gewölben des Stahlwerks rauszuholen und unter dem Radar in die Westukraine zu fliegen? Oder noch wilder: Hatten die Russen nicht nur in einen Waffenstillstand eingewilligt, sondern den von den Russen als „Neonazis“ bezeichneten Angehörigen des Asow-Battalions freies Geleit in die Freiheit ermöglicht? Wieso würden die das tun?

Schaut man sich aber die Photos genauer an (Soldaten mit weissen Armbinden und ein weisses Z auf einem Laster), und liest man den Text, realisiert man irgendwann einmal, dass die Soldaten kapituliert haben, von den Russen gefangen genommen und danach in eine ostukrainische Stadt unter russischer Kontrolle abgeführt wurden.

Heute morgen ging es dann munter weiter:

Nach diesem Neusprech hätten die Sowjets ja im Februar 1943 die Wehrmachtsangehörigen der 6. Armee in die Gulags nach Sibirien „evakuiert“ …

Wieso nennt man die Sache nicht einfach beim Namen?

Hunderte Soldaten des seit Wochen im Asowstal-Werk eingekesselten Asow-Batallions haben kapituliert und geraten in russische KriegsSpezialoperationsgefangenschaft.

Ist in etwa so peinlich wie die Aussage der Russen, dass die Москва „havariert“ und danach in einem „Sturm“ untergegangen sei …

Nachtrag

Es scheint noch Unstimmigkeiten zu geben darüber, ob Mitglieder des Asow-Battalions kapituliert haben, oder ob es bisher nur „normale“ ukrainische Soldaten waren.

Abgesehen davon:

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Freitag, 29. April 2022

Mein Denkreflex beim Wort „Panzer für die Ukraine“

Jedes Mal, wenn ich höre, dass ein weiteres europäisches Land „schwere Waffen“ (Schützenpanzer, Kampfpanzer etc.) an die Ukraine zu liefern gedenkt, werde ich vom ewig selben Denkreflex übermannt:

Wieder ein Land mehr, welches sich die Altmetallentsorgungskosten sparen will …

Aber da ich ITler bin und nicht Militärexperte — was weiss ich schon? Vielleicht Mardern und T-72ern die Ukrainer ja den letzten Angreifer am 9. Mai 2022 über die Grenze nach Russland zurück.

In dem Zusammenhang: Die Polen liefern angabegemäss nun 200 Stück sowjetische T-72 Kampfpanzer in die Ukraine.

Das ist genau derjenige Typ Panzer, den wir auf OSINT- und Kriegspropaganda-Twitter tagtäglich sehen — mit grossem, weissen Z im Sumpf feststeckend, am Strassenrand liegend mit abgerissenen Raupen, ausgebrannt und am verrosten, mit fehlendem Geschützturm. Oder dann aber sehen wir nur den Geschützturm ohne Unterbau, der im ersten Stock eines Hauses eingeschlagen ist, oder mit dem Rohr voran wie ein Grabstein im Boden steckt.

Vor knapp einem Monat hat Forbes erklärt, an welchem Designfehler der Kampfpanzer krankt, und wie dieser Designfehler von den ukrainischen Truppen mit ihrer Javelin-Wunderwaffe ausgenutzt wird.

Spätestens nach den Erfahrungen der ersten zwei Kriegsmonate sollte dieser Panzer nun von allen Armeen abgeschrieben werden, die ihn noch besitzen und ihn bisher für die Landesverteidigung eingeplant hatten. Über Nacht obsolet geworden.

Ein Gefährt, das für 500’000 bis 2 Millionen Dollar hergestellt wird, wird mit einem Panzerabwehrraketensystem ausser Gefecht gesetzt, welches fast jeder Depp bedienen kann und nur 250’000 Dollar kostet (eine Ersatzrakete: Unter 100’000 Dollar).

Nur lustig, dass sich das irgendwie nicht im Aktienkurs des Herstellers Raytheon (NYSE:RTX) wiederspiegelt.

Nachtrag

Bei YouTube drüben bin ich auf folgendes Video gestossen: Why the Russian Army T-72 Tank is Worse Than You Think. Lustigerweise erwähnt der Moderator aber das offensichtliche Problem nicht, den sog. „Jack-in-the-Box Flaw“, ausgelöst durch die Lagerung der Munition im selben Raum wie die Besatzung.

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Freitag, 29. April 2022

Mit Energie- und Nahrungswaffen effizienter Krieg führen

Am Sonntag schrieb ich hier von den kommenden Versorgungsschocks.

Dort verlinkte ich auf ein faszinierendes Interview mit einem ukrainischen Grossbauern, welcher sich unter anderem Sorgen um sein Lager der Maisernte vom letzten Jahr machte. Bei 17 Minuten 30 Sekunden spricht der Landwirt von „300’000 Tonnen Mais“, welche in seinem Speicher in der Ukraine lagern. Das Gebiet sei von der russischen Armee besetzt, er habe keinen Zugang zum Mais und wisse deshalb nicht, was mit dem Getreide passiert sei.

Nun, nach unverifizierbaren, aber für mich durchaus plausiblen Berichten schaut es so aus, als „rollten“ einige solche Getreidespeicher derzeit Richtung Russland:

Holodomor 2.0? Ich denke nicht. Aber halten wir unser Augenmerk auf die ärmsten Länder der Welt, deren Gesellschaften auf Grund fehlender oder stark verteuerter Nahrungsmittel ihren Siedepunkt erreichen werden.

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Dienstag, 26. April 2022

Wann endet der Ukraine-Krieg?

Mit Prognosen ist es so eine Sache — legt man sich zu genau fest, ist es für Internet-Stänkerer wie mich ein leichtes, die Aussage festzuhalten und die Prophezeiungen nach Ablauf der Frist wieder aus dem muffig-stinkenden Blog-Estrich hervorzuholen.

Aktuelles Beispiel: Gemäss mindestens zwei US-Militärexperten hätten die russischen Truppen Ende März/Anfangs April 2022 „kampfunfähig“ sein müssen. Ich habe darüber geschrieben. Jetzt verwüstet wohl eine Phantomarmee die Ukraine …

Ich selber habe bezüglich des Ukraine-Krieges aus weiser Voraussicht keine Prognose gewagt, aber die russische „Spezial-Operation“ in der Ukraine mit dem Zweiten Tschetschenien-Krieg verglichen, dessen hauptsächlichen Kampfhandlungen acht Monate gedauert haben (Blog-Artikel).

Das würde auf ein Kriegsende gegen Ende Oktober 2022 hinweisen — das genaue Datum ist mir weniger wichtig, als ein besseres Gefühl zu vermitteln, dass wir hier im Westen nicht Tage oder Wochen, sondern wohl eher doch noch viele lange Monate auf ein Ende der Kampfhandlungen warten werden müssen.

Gegenpunkt: Nachdem die russische Armee entgegen Medienberichten Anfangs April nicht kollabiert ist, kam in westlichen Medienerzeugnissen ein neuer Narrativ auf: Putin ziele auf ein Ende der Kampfhandlungen per 9. Mai hin, da an dem Tag des grossen vaterländischen Krieges (notabene gegen die ursprünglichen Nazis) gedenkt wird. Den Termin können wir uns im Kalender vorsorglich notieren, um unsere Journalisten mit offenbar glühend heissen Drähten bis direkt in den Kreml einem Faktencheck zu unterziehen.

Gestern nun ein spannender Artikel von Klaus J. Stöhlker:

Spätestens in fünf Monaten, das heisst im September, wird der Ukraine-Krieg beendet sein. Warum?

Weil US-Präsident Joe Biden nur als Friedenspräsident die Midterm-Kongresswahlen im November gewinnen kann.

Gelingt es ihm nicht, den Ukraine-Krieg rechtzeitig vor den Wahlen zu beenden, sieht es böse aus für seine Demokraten.

[…] Joe Biden hat vor wenigen Tagen über Wladimir Putin auch gesagt: „He will never succeed in dominating and occupying all of Ukraine.“ Damit hat der US-Präsident zugesagt, Teile der Ukraine könnten an Russland übergehen.

[…] Die US-Amerikaner lassen sich Zeit, ganz wie im Vietnamkrieg auch, die Friedensverhandlungen zu beschleunigen. Die Unterschrift unter den Friedensvertrag darf nur kurz, aber nicht zu spät vor den US-Kongresswahlen erfolgen.

[…] Es gibt einen ganz ausserordentlichen Grund, weshalb der Ukraine-Krieg länger dauern könnte als von mir angenommen.

Wenn Wladimir Putin seinem Verehrer Donald Trump einen Gefallen tun will und den Krieg über die US-Kongresswahlen hinaus weiterführt, damit Trump die Novemberwahlen mit seinen Republikanern gewinnt, ist dies ein Zeichen der persönlichen Treue.

Quelle: Der Ukraine-Krieg ist in fünf Monaten vorbei. Spätestens

Da lehnt sich der immer kontrovers diskutierte Artikel-Schreiber gehörig aus dem Fenster, liefert aber meiner Meinung nach doch sehr spannende Denkanstösse, die ich so bis jetzt noch nie gehört habe. Wir kommen darauf zurück, versprochen.

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Sonntag, 24. April 2022

Die Welt sollte sich auf einen Versorgungsschock mit Grundnahrungsmitteln gefasst machen …

Für mich und die meisten hier ist Essen „einfach da“ — Brot und Milch kaufe ich im Coop, oder in der MIGROS, und seit Gedenken stand ich noch nie einem leeren Regal (ausser beim Änngelibeck in Bern, kurz vor Ladenschluss).

Im Gegensatz zu meinen Grosseltern und Eltern kenne ich keinen einzigen Preis für Grundnahrungsmittel und weiss deshalb auch nicht, wenn der Preis für Brot oder Milch aufschlägt (aus welchen Gründen auch immer).

Folgendes Gespräch hat mich wachgerüttelt — so wüst die humanitäre Katastrophe in der Ukraine selber aktuell ist, tun wir gut daran, wenn wir uns jetzt schon auf einen weltweiten Versorgungsschock an Grundnahrungsmitteln einstellen, welcher uns mindestens dieses wie auch nächstes Jahr begleiten wird:

Wenn wir reichen Schweizer Glück haben, bedeutet das für uns „nur“, dass wir in den nächsten ein-zwei Jahren mehr für Nahrung bezahlen müssen. Nicht schön, aber ertragbar, indem wir andere, aber nicht zwingende Ausgaben reduzieren. Ärmere Länder, die bereits jetzt immer knapp durchgekommen sind, wird es aber deutlich härter treffen. Resultate könnten Hungersnöte mit vielen Toten sein, aber auch Aufstände, und damit verbunden Massenmigration.

Viele hier hoffen auf einen „Regime-Change“ in Moskau, doch vermutlich werden wir zuerst Regime-Changes in anderen Ländern sehen.

Wieso diese Schwarzmalerei? Das Video erklärt es sehr gut: Die Ukraine und Russland gehören zu den grössten Nahrungsmittelproduzenten und -exporteuren der Welt. Der Wegfall von zehn Prozent bis zu einem Drittel der weltweiten Produktionsleistung kann am Planeten schlicht nicht spurlos vorüber gehen.

Der Krieg führt einerseits dazu, dass Sonnenblumen, Weizen, Gerste und Mais in der Ukraine entweder nicht angebaut werden, oder die Felder im Sommer/Herbst nicht geerntet werden können. Landwirtschaft ist ein zeitkritisches Geschäft, wo man mit der Anpflanzung oder der Ernte nicht beliebig zuwarten kann.

Andererseits wird sich wohl das mit Sanktionen belegte Russland zwei Mal überlegen, in welche Länder es seine eigene Nahrungsmittelproduktion liefert — falls es die Produkte nicht gleich mit einem Ausfuhrverbot belegt.

Zur kritischen Lage trägt indirekt auch Treibstoffmangel bei. Der ukrainische Grosslandwirt erklärt im Video, dass beispielsweise Diesel für die Traktoren entweder von der ukrainischen Armee konfisziert, oder aber vernichtet wurde, damit es den Russen nicht in die Hände fällt.

Weiter vermute ich (ohne Verifizierung!) auch andere Einflüsse: Maschinerie und Transportmittel fehlen dort wo sie eigentlich gebraucht werden, weil sie in Sicherheit gebracht wurden (Landwirtschaftsmaschinerie kostet unglaublich viel Geld), für anderes als Landwirtschaft eingesetzt werden (Abtransport russischer Panzer), oder sie könnten auch in Kämpfen zerstört oder beschädigt worden sein. Selbst wenn die Kriegshandlungen eingestellt werden, ist die Frage, ob und wie rasch man Ersatzteile für Reparaturen bekommen wird. Und: Ohne Maschinerie kann man keine industrielle Landwirtschaft betreiben — egal, wie viele Hände man als Ersatz aufbieten würde.

Schlussendlich erwähnt der Landwirt auch noch verminte Felder, und ich kann mir vorstellen, dass die Überfahrt von Panzern und sonstigem schweren Gerät über Felder nicht gut ist für den Untergrund. Oder wenn verlassenes oder zerstörtes Armeematerial wie Panzer und Haubitzen auf den Feldern liegenbleibt, welches dann erst geräumt werden muss (nicht ganz trivial, wenn noch scharfe Munition rumliegen sollte).

Dasselbe mit Getreidelagern mit der Ernte von 2020, sowie Saatgut: Im schlimmsten Kampfhandlungen zerstört, oder die Ware aus welchen Gründen auch immer verdorben, oder konfisziert und abtransportiert. Der Landwirt erwähnt sein eigenes Maislager im Kriegsgebiet, und dass er nicht wisse, wie es dem dort lagernden Mais ergeht. Ich denke etwas von 300’000 Tonnen gelagertem Mais gehört zu haben (eine fantastische Zahl, die man noch verifizieren müsste — tatsächlich: bei 17 Minuten und 30 Sekunden spricht der Landwirt die Zahl aus). Zur Einschätzung: die Ukraine hat 2020/21 ungefähr 29 Millionen Tonnen produziert.

Weiter man muss sich auch bewusst sein, dass sowohl (künstlicher) Dünger als auch Pestizide aus fossilen Brennstoffen (Gas) hergestellt werden — und einer der grössten Gas-Produzenten führt derzeit eine „Spezialoperation“ in der Ukraine durch.

Einschub: Wie sich das bei mir anekdotisch bemerkbar macht? Im Februar 2013 habe ich meinen zweiten Aktienkauf in meinem Leben getätigt, mit ganz, ganz wenig Spielgeld. Ich habe mir damals auf Grund eines Blog-Artikels Potash-Aktien gekauft (ein Kanadisches Unternehmen, welches „Pottasche“ abbaut, sprich das „Kaliumkarbonat“ im NPK-Düngertriumvirat). Der Aktienpreis stürzte in der Folge ab, aber ich entschied mich, die wenigen Aktien zu halten. Das Unternehmen wurde irgendwann einmal von Nutrien aufgekauft, und ich erhielt dafür Nutrien-Aktien. Und jetzt endlich, 9 Jahre später, bin ich so nah wie noch nie am Break Even: Meine Aktien dümpeln „nur“ noch 11.92 Prozent unter dem Einstandspreis, nachdem sie seit Februar 2022 (war da was?) eine unglaubliche Rally hingelegt haben.

Wieso ein ITler sich um solche Dinge kümmert? Der Titel meines Lizentiats lautete Die Missernte 1916/17 in der Schweiz. «Wenn nur der Wettergott bald ein Einsehen hätte» (Download als PDF hier).

Und da wären wir auch schon im letzten Punkt: Auch die Ungläubigsten unter uns sollten ab und zu beten, dass die Landwirte dieses Jahr nicht auch noch von schlechtem Wetter oder Witterung getroffen werden. Sonst nähern wir uns einem perfekten Sturm.

Zum Schluss: Cui Bono? Neben der Fracking-Industrie und den Waffenproduzenten wird dieser Konflikt auch sehr positive Ertragsauswirkungen auf die U.S.-Landwirtschaft haben.

Nachtrag

Die Witterung scheint uns nicht gut gesinnt:

Südasien wird derzeit von einer aussergewöhnlichen Hitzewelle heimgesucht. Sie bedroht die Ernten vieler Bauern. Indien ist der zweitgrösste Weizenproduzent der Welt. Die durch den Ukraine-Krieg angespannte Situation auf den Agrarmärkten dürfte sich damit noch verschärfen.

Quelle: Weizenproduktion: Hitzewelle in Indien verschärft weltweite Versorgungslage

Nachtrag 2

Wie bereits vom ukrainischen Landwirten angetönt und von uns allen befürchtet, haben die Kriegsparteien in der Ukraine offenbar landwirtschaftliche Felder (oder: Zugangswege dazu) vermint:

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Donnerstag, 21. April 2022

Mir tun Republik-Leser leid: Kritik an „Russisches Kriegsschiff, fick dich!“

Gestern schwemmte irgendein Tweet den Republik-Artikel Russisches Kriegsschiff, fick dich! in eine meiner Twitter-Bubbles.

Wie üblich erstellte ich aus dem Artikel ein PDF und legte es für eine spätere Lektüre auf meinem Desktop ab.

Als ich die Zeit gefunden hatte, mich dem Artikel zu widmen, staunte ich nicht schlecht: 33 Seiten. Holla die Waldfee!

Erkenntnisse nach der Lektüre:

  • Die Illustration von „Hefner“ ist das beste am ganzen Artikel
  • Dem Artikel selber fehlt meiner Meinung nach der rote Faden. Viele Male fragte ich mich: Auf was genau will der Autor Constantin Seibt nun konkret hinaus?
  • Es scheint, als hätte der Autor in etwa so alle Narrative zusammenkopiert, die seit dem 24. Februar 2022 im Internet rumgeistern
  • Was mir geblieben ist: Jeder Schweizer muss sich jetzt explizit und unmissverständlich zwischen zwei Seiten entscheiden. Damit die Entscheidung einfacher fällt: Bei der einen Seite handelt es sich um Faschismus. Und somit ist der Fall klar, aber eigentlich hat man somit auch gar keine Wahl.

Schlussfazit: Falls das Ziel daraus bestand, primär einfach einen extrem langen Artikel zu verfassen, wurde das Ziel mit Bestnote erreicht.

Falls das die Hauptvorgabe bei der Republik ist, tun mir die Abonnenten und Leser wirklich leid.

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Mittwoch, 20. April 2022

Russische Phantomarmee kurz vor der Einnahme Mariupols?

Am 5. März 2022 behauptete der Militärexperte Michael Kofmann, dass die russische Invasionsarmee in „drei bis vier Wochen kampfunfähig“ sein werde. Der US-General Ben Hodges prognostizierte den Zusammenbruch der russischen Armee am 20. März innerhalb einer Woche. Siehe meinen früheren Blog-Artikel.

Irgendwas ist bei diesen Prognosen schief gegangen, denn mittlerweile läuft die russische Offensive in der Ostukraine an, und die strategisch wichtige Stadt Mariupol scheint kurz vor dem Fall zu stehen: «Feind ist uns 10:1 überlegen»: Mariupol-Truppen bitten verzweifelt um Evakuierung in Drittstaat.

Dies obwohl der Schaden für die Angreifer gemäss westlichen Medien massiv zu sein scheint: Zehntausende tote Soldaten, ein Vielfaches davon Verletzte, schier unglaubliche Verluste von Material aller Art (Helikopter, Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, sonstige Transportfahrzeuge usw. usf.). Und natürlich als besondere Trophäe für den Gegner das versenkte russische Flaggschiff der Schwarzmeerflotte, die Moskau — gemäss Russland nach einer Munitionsexplosion in einem Sturm versunken, gemäss der Ukraine mit zwei gezielt platzierten Neptun-Raketen versenkt. Ein Photo und ein Video davon.

Hinzu komme, dass Russland alle seine neuartigen Raketen verschossen habe, von welchen wegen den Sanktionen des Westens (Chips etc.) kein Nachschub mehr produziert werden kann. Ich hätte fast von „Wunderwaffen“ gesprochen, aber das Wort ist geschichtlich vorbelastet …

Während die Ukraine gefühlt täglich berichtet, wie viele russische Soldaten seit dem Vortag getötet und verletzt wurden, und wie viel zusätzliches russisches Material gekapert oder vernichtet wurde, hört man hier im Westen kaum solche Meldungen seitens Russland. Immerhin: Vor einigen Tagen gab es eine Meldung des russischen Verteidigungsministeriums, dass es auf Seiten der Ukraine 23’367 „irretrievable losses“ gegeben hätte (Angehörige der ukrainischen Armee, der National Guard sowie Söldner).

Fantastisch anmutend, dass es jemand wagt, solche Zahlen nicht in Tausenderschritten angenähert anzugeben, sondern auf den einer genau. Wird hier Präzision vorgetäuscht, wo gar keine sein kann?

Ich weiss nicht, wem mehr zu glauben ist, bin aber grundsätzlich äusserst skeptisch gegenüber jeder Aussage beider Kriegsparteien.

Ich habe weiterhin Aussagen Mearsheimers, Macgregors und Varoufakis im Hinterkopf: Sie sagten die Verwüstung des Landes voraus, und die Vernichtung der ukrainischen Armee (Paraphrasiert: „keine Chance“).

Aus dem Siegeschor für die Ukrainische Armee der letzten Wochen in den westlichen Medien stach Varoufakis heraus, weil er der Ukraine völlig gegenläufig zu diesen Stimmen Friedensverhandlungen empfahl.

Doch: Wieso Verhandlungen, wenn der Gegner kurz vor der Kampfunfähigkeit steht, und somit der Sieg und die Vertreibung des Angreifers in greifbarer Nähe? Was genau hat Varoufakis nicht verstanden?

Vielleicht werden wir wirklich gerade Zeuge des letzten Aufbäumens der russischen Truppen, bevor sie endgültig untergehen. Und Lawrow zu Selensky reist, um die bedingungslose Kapitulation anzubieten.

Das ungefähr in „drei bis vier Wochen“. Nur sind sich die „Experten“ noch nicht sicher, ab wann diese 30 Tage effektiv zu zählen beginnen …

Oder aber der Krieg wird weder in wenigen Wochen vorbei sein (als Referenz: Der zweite Tschetschenien-Krieg unter Putin dauerte von August 1999 bis April 2000, acht Monate — in Fall hier also bis ungefähr Oktober 2022), noch wird ein klarer Sieger vom Feld gehen.

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